Familien suchen nach den Opfern der Bittermark

Wir forschen weiter, um die Schicksale der Opfer der Bittermark zu klären. Mehrere Veröffentlichungen über die Menschen, die in letzten Tagen des Krieges in Dortmund getötet wurden, zeigen, dass vorallem die Bemühungen der Familien die Identifizierung ermöglicht hat. 12 Ermordete wurden von Familienangehörigen identifiziert. Später wurde diese Liste auf 33 Personen erweitert.
Die Möglichkeit ihre ermordeten Angehörigen zu identifizieren hatten aber nur Familien in Deutschland, doch auch in der ehemaligen Sowjetunion haben Familien nach ihren Angehörigen gesucht.
Die unten beschriebenen Fälle zeigen die Möglichkeiten, die den Familien in der ehemaligen Sowjetunion, in allen 15 Sowjetrepubliken, zur Verfügung standen, um nach ihren Angehörigen zu suchen.

Trofim Efimowitsch Litwin

So hat die Mutter vom Trofim Efimowitsch Litwin 1949 einen Suchantrag gestellt.

Suchantrag Trofim Efimowitsch Litwin, Quelle: OBD-Memorial, ID 70120548, Seite 3

Übersetzung des Suchantrags nach Trofim Efimowitsch Litwin

Fragebogen zur Suchaktion nach einem Rotarmisten

FragenAntworten
1. Name , Vorname, VaternameLitwin, Trofim Efimowitsch
2. Geburtsdatum1917
3. Geburtsort, Gebiet, Bezirk, Dorf/StadtGebiet Poltawa, Bezirk Kobelezkij,
Dorf Komarowka
4. Durch wen und wann mobilisiertOktober 1939, Mobilisierungspunkt Stadt Poltawa
5. DienstgradRotarmist
6. Letzter schriftlicher Kontakt15.09.1941, (der Ort war von den Deutschen besetzt)
7. Poststempel der letzten AdresseGemäß Poststempel auf dem letzten Brief vom 21.2.1941, Feldpost-Nr. 35-10. 594 I.D
8. Letzter Wohnort vor der MobilisierungStadt Poltawa, Komsomolskaja Straße 49
9. Zusätzliche Information über den Gesuchtenauf der beigefügten Photographie ist ersichtlich,
dass Litwin, T.E. seinen Dienst bei der 591. Inf.Div. der Moldawischen SSR, Stadt Beljzy tat
10. Wer sucht, Name, Vorname, Vatername Litwin, Elisaweta Ignatjewna
11. Verwandtschaftliche Beziehung: Ehefrau, Mutter, Vater, Schwester, Bruder, u.s.w.Mutter
12. Vollständige Anschrift des AntragstellersGebiet Poltawa, Bezirk Kobelezki, Dorf Komarowka
13. Persönliche Entscheidung des Leiters des Militäramts zum Schicksal des Kriegsdienstleistendenvermisst seit Oktober 1941
14. Grund für die verspätete SucheWir hatten keine bestätigten Dokumente und keine genaue Dienstadresse. Wir sandten einen Brief nach Moskau, erhielten aber keine positive Antwort

Anlagen: 1. Photographie von Litwin, T.E.,2. Bestätigung aus dem Amt des Dorf Komarowka, 3. Vorderseite eines Kuverts

Nr- 17

Leiter des Amtes28. März 1949
Oberstleutnant xxxxxxMilitäramt Kobeljskij
Entscheidung: Als vermisst registriert

Trofim Efimowitsch Litwin, im Herbst 1940

Die Bearbeitung der Suchanfragen hatten überall den gleichem Ablauf. Nachdem die Familienangehörigen einen Suchantrag bei der örtlichen Militärbehörde gestellte hatte, prüfte diese alle Angaben und sandte den Antrag nach Moskau. Dort wurden verschiedene Quellen abgefragt: „Gefallene und Registrierte in Verlustlisten“, „Verwundete und Evakuierte“, „Gefangene“ u.s.w. Wurde der Name des Gesuchten gefunden, suchte man nach weiteren Informationen. War die Suche erfolglos, wurde eine Sammelliste nach Orten erstellt und an die anfragende Stelle zurück gesandt. Vor Ort teilte die Militärbehörde den Angehörigen mit, dass der Gesuchte als „vermisst“ gemeldet ist und stellte den Bescheid für die Zahlung einer Rente aus.

Anwar Hassanowitsch Isaew

Suchantrag der Familie Isaew

Quelle: OBD Memorial ID 70276022

Übersetzung der Suchanfrage der Familie Isaew

Fragebogen

1. Name, Vorname, VaternameIsaew, Anwar Hassanowitsch
2. Geburtsdatum1920
3. GeburtsortDorf Atenino, Bezirk Tunguschewkij,
Mordowskaja, ASSR (Zentralrussland)
4. Durch welches Militäramt einberufenNaukatskij, Mobilisationspunkt Bezirk Osch
5. DienstgradRotarmist
6. Amt in der Roten Armee
7. Adresse der Einheit im letzten Briefkeinen Brief erhalten
8. Wann ist die briefliche Verbindung abgebrochenim November 1941
9. Wohnort vor der MobilisierungAul Iski-Naukat, Bezirk Naukatskij, Gebiet Osch
(Kirgisische SSR)
10. Zusätzliche Informationen über den Gesuchtenkeine
11. Falls es Informationen über den Tod gibt, machen Sie
Angaben wo und wann
keine
12. Wer suchtIsaew, Hassan Iljasowitsch
13. Familiäres Verhältnis zum GesuchtenVater
14. WohnortStadt Fergana, Schtschörss Straße 10
Usbekische SSR
15. Persönliche Entscheidung des Leiterswegen fehlender Information im Militäramt gehe ich
davon aus, dass er vermisst ist

Entscheidung: Registrieren als „vermisst“ seit Dezember 1941, Bescheid (für die Zahlung der Rente) herausgeben

Leiter des Amtes, 17.04.1958
Oberstleutnant xxxxxxx

Anton Kirillowitsch Grebenjuk

In der Regel wurde nach dem Krieg von den Stadtverwaltungen in jedem Haushalt Abfragen nach Vermissten macht. Das örtliche Militäramt erstellte nach diesen Angaben Listen, auf denen die Rotarmisten eingetragen waren, die nicht zurückkehrten. Diese Liste wurde im Verlauf mehrerer Jahre gemeinsam vom Militäramt und vom Geheimdienst geprüft. In einigen Fällen führte diese Prüfung zur Gewissheit über das Schicksal des Gesuchten. Bei der großen Mehrheit steht als Ergebnis – „vermisst“ und das Datum gerechnet ab dem Datum des letzten Briefes plus 3 Monate.

Genau das sehen wir in den weiteren Dokumenten.

Informationen aus Dokumenten, die den Verlust angegeben
ID 65914854



Name
Grebenjuk
Vorname
Anton
Vatername
Kirillowitsch
Geburtsdatum
__.__.1924
Geburtsort
Ukranische SSR, Gebiet Zhitomir,
Dorf Ozerjany, Bezirk Brusilow
Mobilisiert
06.1941 Militäramt Brusilow, Ukranische SSR,
Gebiet Zhitomir, Dorf Ozerjany, Bezirk Brusilow
Dienstrang
Rotarmist
Grund für den Verlust
vermisst
Datum des Verlust
__.03.1944*
Quelle des Bericht
ZAMO

* für die von Deutschland besetzten Teile der Sowjetunion galt die Regeln das Datum des Verlustes als Vermisste/r ist„3 Monaten nach Befreiung der Region“

Verlustliste auf der Anton Kirillowitsch Grebenjuk verzeichnet ist, Quelle OBD Memorial ID 65914854

Unter Nummer 8 der Liste wird Anton Kirillowitsch Grebenjuk ausgeführt. Nur sehr wenig ist von ihm in Erinnerung geblieben. Seine Mutter, Anna Pawlowna Grebenjuk, hatte nicht viele Möglichkeiten für eine Suche. Sie erhielt am 25. September 1946 den Bescheid des örtliches Militärsamt „vermisst zusammen mit 14 anderen Rotarmisten aus den umliegenden Dörfern“.

Iwan Petrowitsch Haew

Iwan Petrowitsch Haew wurde als Infanterist ohne Parteizugehörigkeit mobilisiert. Den letzte Brief hat er von der Feldpost 59/2, Bahnhof Tschizhowo, Dorf Zarabby-Kostji, Gebiet Belostock, am 20.06.1941 abgeschickt. Seine Ehefrau, Olga Iwanowna Haewa, erhielt nur die Nachricht, dass ihr Ehemann als „vermisst seit Dezember 1941“ gilt. Dieser Bescheid ist vom 3.12.1947 . Der Bescheid bedeutete für Olga Iwanowna Haewa, dass keine weiteren Nachforschungen folgen würden. Damit hatte sie die letzte Hoffnung auf die Rückkehr ihres Ehemanns verloren.

Informationen aus Dokumenten zur Klärung von Verlusten
ID 62330033

Familienname
Haew
Vorname
Iwan
Vatername
Petrowitsch
Geburtsdatum
1914
Geburtsort
Gebiet Iwanowo, Dorf Medwezhje
Datum und Ort der Mobilisierung
20.06.1940, Militärbehörde der Stadt Palech, Gebiet Iwanowo
Dienstgrad
Rotarmist
Grund für den Verlust
vermisst
Datum des Verlust
12.1941
Quelle ZAMO

Unter der Nummer 8 sehen wir die kurze Informationen aus Befragungen des örtlichen Militärsamts.

Verlustliste auf der Iwan Petrowitsch Haew verzeichnet ist, Quelle 62330033

Schon in September 1941 musste Iwan Haew in der Stadt Meissen Zwangsarbeit leisten. Am 21.10.1941 wird er an das Stalag IV H gebracht. Darüber haben wir in unserem Beitrag „Leben und Sterben der sowjetischen Gestapo-Opfer“ berichtet. Auf der Arbeitskarte ist sein Tod nicht dokumentiert. Weitere Dokumente sind während des Krieges verloren gegangen. Ebenso wie seine Dokumente verschwand auch Iwan Petrowitsch Haew, wie es von der Gestapo geplant war.

In der Vergangenheit wussten die sowjetische Seite nichts von den Gestapo-Listen und die deutsche Seite kannte die Suchmeldungen der Angehörigen nicht. Heute aber haben alle Seiten Zugang zu diesen Dokumenten, deshalb muss alles dafür getan werden Namen und Schicksal der „Vermissten“ zu erforschen, sonst erreichen die Nazis ihr Ziel: Menschen, die von ihnen in rassistischer Weise abgewertet wurden, die sie gequält, ausgebeutet und ermordet haben, einfach spurlos verschwinden zu lassen.

Leben und Sterben der sowjetischen Gestapo-Opfer

Wer sind die Ermordeten der Bittermark?

Im Stadtarchiv der Stadt Dortmund geben zahlreiche Dokumente Zeugnis von der grausamen Arbeit der Gestapo. Auch in den letzten Kriegstagen wurden Verhaftungen akribisch vermerkt. Die Dokumente über die Gestapo-Haft sowjetischer Bürger*innen enthalten für diese Zeit 117 Einträge. Hinter den Namen dieser Verhafteten findet sich oft der Vermerk „entlassen“. Anders als der Begriff „entlassen“ vermuten lässt, haben diese Gefangenen ein grausames Schicksal, denn die Eintragung „entlassen“ war ein Todesurteil für die Gefangenen. So gehen wir davon aus, dass unter den 117 Menschen auf der Liste der Gestapo, 98 Gefangene, hinter deren Namen den Vermerk „entlassen“ steht, die letzte Tage des Krieges nicht überlebten.

Nur wenige haben überlebt

Nur wenige Gefangene haben die Gestapo-Haft und die letzte Tage des Krieges überlebt. Für einigen Menschen haben wir jetzt persönliche Dokumenten in verschiedenen Archiven gefunden.

Pawel Wasiljewitsch Philipin

Auf der oben genannten Gestapo-Liste ist Paul Pilipin, geboren 1911, unter der Nr. 8554 eingetragen. Er war am 2.4.1945 in Gestapo-Haft. Nach eingehender Recherche konnten wir in der Datenbank OBD-Memorial (https://obd-memorial.ru/html/) unter der ID 79919315 einen Eintrag für Philipin (Filipin), Pawel Wasiljewitsch finden. Wir gehen davon aus, dass es sich um den in der Liste genannten Paul Pilipin handelt, denn nach unserer Erfahrung wurden Namen von sowjetischen Bürger*innen bei der Registrierung sehr oft fehlerhaft aufgenommen. Darüber hinaus differiert die Schreibung von Namen in lateinischer, deutscher und kyrillischer Schrift.

Informationen aus dem Archiv
ID
79919315

Familienname
Philipin (Filipin)
Vorname
Pawel
Vatername
Wasiljewitsch
Geburtsdatum
1911
Geburtsort
Rjsaner Gebiet, Dorf Nikoljskoe
Datum und Ort der Mobilisierung
1941
Letzter Dienstort
Einheit 904. Infanterie Regiment
DienstgradRotarmist
Grund des Verlustes
in Gefangenschaft geraten (befreit)
Datum des Verlust
20.08.1941

Der Eintrag in der Datenbank OBD-Memorial besagt, dass Pawel Wasiljewitsch Philipin bereits im August 1941 in Gefangenschaft geriet und am Ende des Krieges befreit wurde. Er hatte also eine lange Gefangenschaft hinter sich. Darüber geben zwei Transportkarten Auskunft:
OBD Memorial, ID 1978125561
Transportkarte Filipin, Pavel zum Stalag XIII A Sulzbach Rosenberg (Bayern)

OBD Memorial, ID-Nr. 1978107752
Transportkarte Filipin, Pavel vom Stalag XIII A Sulzbach Rosenberg (Bayern) zum Stalag XIII D zum Stalag XIII A Nürnberg-Langwasser

Es ist anzunehmen, dass Pawel Philipin nach Dortmund kam, da sehr viele sowjetische Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit in die Betriebe und Zechen des Ruhrgebiets gebracht wurden.

Pjotr Iwanowitsch Powarow

Auch Pjotr Powarow (Peter Powarow) geriet in Gestapo-Haft und wurde unter der Nr. 10020 registriert, auch er wurde nach dem Ende des Krieges befreit.

Informationen aus dem Archiv
ID 85494462


Familienname
Powarow
Vorname
Pjotr
Vatername
Iwanowitsch
Geburtsdatum
1918
Geburtsort
Smolensk, Degtjarowa 2
Datum und Ort der Mobilisierung
09.05.1934, Waisenhaus, Stadt Smolensk
Dienstrang
Unterleutnant
Grund für den VerlustIn Gefangenschaft geraten (befreit)
Datum des Verlust
27.10.1941
Quelle
ZAMO

Seine Filtrationskarte besagt: Der Unterleutnant Pjotr Iwanowitsch Powarow geriet leichtverwundet am 27.10.1941 in Kriegsgefangenschaft. Am 13.04.1945 befreiten ihn die Amerikaner in Dortmund. Bis November 1946 wurde er in verschiedenen Filtrationslagern überprüft. Danach arbeitete er bei einem Moskauer Bauunternehmen.

Filtrationskarte von Pjotr Iwanowitsch Poworow

Der Vermerk „entlassen“ war ein Todesurteil

Ganz anders aber waren die Schicksale der 98 sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilisten*innen, deren Gestapo-Akten den Vermerk „entlassen“ tragen. Von keiner dieser Personen finden sich Dokumente über ihre Befreiung und ihre Rückkehr nach Hause.

Anwer Hassanowitsch Issajew

Einer dieser 98 Gefangenen ist An(u)wer Issajew, registriert unter der unter Nummer 8649 in den Gestapo-Akten.
Seine Familie erhielt von ihm im November 1941 das letzte Lebenszeichen.

Informationen aus dem Archiv
ID 70276022

Familienname
Isaew
Vorname
Anwar
Vatername
Hasanowitsch
Geburtsdatum
1920
Geburtsort
ASSR Mordowien, Dorf Atenino
Datum und Ort der Mobilisierung
13.02,1941 ,Kirgisische SSR, Gebiet Osch
Dienstgrad
Rotarmist
Grund für den Verlustvermisst
Datum des Verlust
12.1941
Quelle
ZAMO

Iwan Petrowitsch Haew

Über den unter der Nummer 8666 eingetragenen Iwan Haew gibt es Informationen in der Datenbank OBD-Memorial. Iwan Petrowitsch Haew war seit dem 20.6.1940 Soldat, sein letzter Dienstort war Belostock ganz im Westen der Sowjetunion. Ab Ende Juni 1941 hatte seine Familie keine Nachricht mehr von ihm.

Informationen über Kriegsgefangenen
ID 72230514

Name
Haew
Vorname
Iwan
Geburtsdatum
04.08.1914
Lager
Stalag (Lager in dem der Gefangene
registriert wurde)
IV B
Erkennungsmarken-Nr.
123059
Dienstrang
Rotarmist
Quelle
ZAMO

Im September 1941 wurde er im Stalag IV B Mühlberg/Elbe registriert und erhielt die Erkennungsmarken-Nr. 123059. Einige Arbeitseinsätze und Lagern überlebte er.

Er wurde mit sehr großer Wahrscheinlichkeit zur Zwangsarbeit ins Ruhrgebiet gebracht. Sein letztes Lebenszeichen war die Eintragung der Dortmunder Gestapo „entlassen“. Der Vermerk war sein Todesurteil. Er kam nicht nach Hause.

Trofim Efimowitsch Litwin

Trofim Efimowitsch Litwin war seit 1939 Soldat in einer Einheit der Roten Armee in der Stadt Belzy. Seit November 1941 hatte seine Familie kein Lebenszeichen von ihm.

Auch Trofim Litwin geriet in Gestapo-Haft und wurde unter der Nr. 8677 registriert. In den Gestapo-Akten steht neben seinem Namen unter dem 1.4.1945 der Vermerk „4K entlassen“.

Informationen aus Dokumenten zur Klärung von Verlusten
ID 70120548

Familienname
Litwin
Vorname
Trofim
Vatername
Efimowitsch
Geburtsdatum
1917
Geburtsort
Ukrainische SSR, Gebiet Poltawa, Dorf Komarowka
Datum und Ort der Mobilisierung
10. 1939, Ukrainische SSR, Stadt Poltawa,
letzter Dienstort
P/Ja 35-10
Dienstgrad
Rotarmist
Grund für den Verlust
vermisst
Datum des Verlust
12.1943
Quelle ZAMO

Ebenso wie die Familien in Deutschland und Frankreich Nachforschung nach ihren Angehörigen anstellten, die in der Bittermark ermordet wurden, suchten auch die Familien in der Sowjetunion nach ihren ermordeten Angehörigen. Diese Nachforschungen waren in der Nachkriegszeit sehr schwierig.
Inzwischen wurde viele Archiven geöffnet, die in der Nachkriegszeit nicht zugänglich waren. Welche Informationen und Dokumente lassen sich dort noch über die 98 aus Gestapo-Haft „Entlassenen“ finden?

Gedenken an die Opfer der Bittermarkmorde

Kurz vor dem Ende des Krieges, im Frühjahr 1945, ermordete die Gestapo in der Bittermark und im Rombergpark mehrere hundert Menschen, die genaue Zahl ist nicht bekannt. Eine Liste mit den Opfern der Bittermark enthält 114 Namen, darunter auch einige ausländische Häftlinge, von denen angenommen wird, dass sie in den letzten Kriegstagen in Dortmund ermordet wurden. Als Quellen wird das Buch von Lore Junge „Mit Stacheldraht gefesselt“ angegeben.

Lore Junge gibt in ihrem Buch insbesondere die Biographien der deutschen Widerstandskämpfer und Widerstandskämpferinnen wieder. Dafür hat sie mit Angehörigen der Ermordeten gesprochen und Akten durchgesehen. Ihrer Arbeit und ihren Recherchen ist es zu danken, dass wir viel über das Leben und die politische Arbeit der ermordeten Widerstandskämpfer und Widerstandskämpferinnen wissen sowie über ihre Zeit in Haft und die Suche nach den Ermordeten in den Tagen und Wochen nach dem Bekanntwerden der Verbrechen in der Bittermark. Bei ihren Recherchen beruft sich Lore Junge unter anderem auch auf Dokumente der Gestapo und auf den Prozess, der 1952 gegen einige Täter stattfand.

Für die ausländischen Ermordeten der Bittermark ist die Recherche jedoch sehr schwierig. Berichte von Angehörigen liegen in den allermeisten Fällen nicht vor. Die Dokumentenlage über die Verbrechen der Gestapo in den letzten Kriegstage ist lückenhaft. Dennoch liegen dem Stadtarchiv Dortmund Dokumente vor. So sind in Papieren Gestapo unter dem 2. April 1945 zahlreiche Personen mit dem Vermerk „2.04.1945 entlassen“ geführt. Dort finden sich auch die Namen Albert Meyers, Cornelius Bothof und Peter Drapohovich aus der obengenannten Liste.

Nr. in der OpferlisteNationalitätNameLetzte MeldungEintragung Gestapo
73FranzoseMeyers, Albert02.04.1945entlassen
12HolländerBothof, Cornelius02.04.1945entlassen
32JugoslaveDrapohovic, Peter02.04.1945entlassen

Schauen wir die Gestapo-Akten von sowjetischen Bürgerinnen und Bürgern an, finden wir am gleichem Tag zahlreiche Eintragungen mit dem Vermerk „Gestapo abgeholt“ oder „durch Gestapo entlassen“. So wurden am 2.4.1945 gem. Gestapo-Akten 13 sowjetische Gefangene „entlassen“. Wir müssen davon ausgehen, dass sie ermordet wurden.

Diese Menschen, die vielleicht in der selben Zelle saßen wie die drei obengenannten Gefangenen, werden bis heute nicht zu den Ermordeten der Bittermark gezählt.

Nr. im Aktenbestand 167/1-137NationalitätNameletzte MeldungEintragung Gestapo
7316SowjetbürgerOrlow, Wasili02.04.1945Gestapo abgeholt
8514SowjetbürgerPodoljan, Grigori02.04.1945durch Gestapo entlassen
8572SowjetbürgerSchilow, Feodor02.04.1945durch Gestapo entlassen
8584SowjetbürgerJanik, Wladislaw02.04.1945durch Gestapo entlassen
8609SowjetbürgerSoschenko, Viktor02.04.1945durch Gestapo entlassen
8618SowjetbürgerNadjuk, Paul (Pawel)02.04.1945durch Gestapo entlassen
8621SowjetbürgerWenigrora, Eugen(ij)02.04.1945Gestapo abgeholt
8622SowjetbürgerWoronow, Viktor02.04.1945durch Gestapo entlassen
8623SowjetbürgerVolik, Nikolai02.04.1945durch Gestapo entlassen
8630Sowjetbürger-inGutnik, Galina02.04.1945durch Gestapo entlassen
10004SowjetbürgerDzjura, Nikolai02.04.1945durch Gestapo entlassen
10029SowjetbürgerNimenko, Wasili02.04.1945durch Gestapo entlassen
8569SowjetbürgerMaczkowski, Viktor02.04.1945durch Gestapo entlassen

Portraits erinnern an sowjetische Kriegsopfer

Anfang Dezember erinnerte Ar.kod.M  auf dem Internationalen Friedhof an 3 sowjetische Kriegsopfer, die von ihren Angehörigen jahrzehntelang gesucht werden. Die Familien hatten Arkod.M um Hilfe bei den Nachforschungen gebeten.

So fragte eine Familie nach Tatjana Martynowna Tereschtschenko und sandte uns ein Foto. Tatajana Tereschtschenko musste in Dortmund Zwangsarbeit leisten. Was ihr geschah, ist bis heute unbekannt. Sie verschwand spurlos, den Angehörigen blieb nur die Erinnerung. Tatjana Tereschtschenko war Zivilarbeiterin in Dortmund. Sie hätte in Dortmund gemeldet sein müssen, über ihr Ableben müsste es eine Sterbeurkunde geben.

Auch Nikolaj Wazhenins Schicksal war unbekannt. Seine Familie hat sehr lange nach ihm gesucht. Nikolaj Wazhenin war Kriegsgefangener, deshalb wurde von der Wehrmacht registriert. Seine Daten sind in einer international zugänglichen Datenbank gespeichert. Er stammt aus dem Altai und geriet bereits in den ersten Tagen nach dem Überfall auf die Sowjetunion in Kriegsgefangenschaft. Seine Registrierungspapiere zeigen den Weg durch die Lager. Er starb Mitte März 1944 im Stalag VI D in Dortmund und wurde auf dem Internationalen Friedhof begraben. Im Sterbebuch für „Russische Kriegsgefangene“, das vom Friedhofsamt der Stadt Dortmund geführt wurde, finden sich Mitte März 1944 mehr als 15 Einträge von Verstorbenen aus dem Stalag VI D mit dem Vermerk „Unbekannt“. Die Namen und damit auch Erinnerungen an die ums Leben gebrachten Menschen aus dem Stalag VI D sollten für immer verschwinden.

Jakow Martynowitsch Pugolowkin war ebenfalls Kriegsgefangener im Stalag VI D. Er arbeitete im Lazarett des Stalag. Ein Mitgefangener berichtete der Familie nach dem Krieg, dass Jakow Pugolowkin aktives Mitglied einer Widerstandsgruppe war. Diese Widerstandsgruppe arbeitete vor allem im Lazarett des Stalag VI D, denn dort wurden nicht nur Schwerkranke behandelt, sondern auch viele Gefangene, die wieder in  Arbeitskommandos im gesamten Regierungsbezirk Arnsberg geschickt wurden. Die Widerstandsgruppe versorgte diese Gefangenen mit Informationen und handgeschriebenen Flugblättern, die diese mit in die Arbeitskommandos nahmen. Ende 1944 wurde die Widerstandsgruppe entdeckt und zerschlagen. Die bekannten Mitglieder wurden verhaftet. Im Februar 1945 unternahm Jakow Pugolowkin einen Fluchtversuch bei dem er verletzt wurde, dann verliert sich seine Spur.

Spurlos verschwinden lassen war die Methode der Nazis auch in den letzten Kriegstagen. Den Gefangenen wurde alles abgenommen, was zu ihrer Identifizierung hätte führen können. Auch von den 300 Ermordeten, derer am Karfreitag in der Bittermark in Dortmund gedacht wird, sind nur 100 namentlich bekannt.  Fast 200 Ermordete sind bisher unbekannt. Es handelt sich vor allem um sowjetische  Bürger*innen. Niemand in Dortmund fragte nach ihnen und wie sie hießen, auch wurde bisher kaum etwas unternommen, um ihre Identität zu ermitteln. Es kann gut sein, dass Jakow Pugolowkin unter den ermordeten unbekannten Widerstandskämpfern ist.

Gedenken am Karfreitag 2021

Mit einer Gedenkstunde auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund erinnerte der Historische Verein Ar.kod.M e.V.,  gemeinsam mit dem Förderverein Gedenkstätte Steinwache-Internationales Rombergpark Komitee und der VVN-BdA,  an die Menschen, die in Dortmund Zwangsarbeit leisten mussten und hier ums Leben gebracht wurden. Wegen der Corona-Pandemie fand das Gedenken in kleinem Kreis statt.

Ar.kod M gedachte mit 2 Transparenten der sowjetischen Kriegsopfer.  Die Transparente tragen die Namen und Portraits von 12 sowjetischen Kriegsgefangenen, die auf dem Internationalen Friedhof begraben sind. Die meisten sowjetischen Kriegsopfer wurden anonym begraben. Inzwischen ist es gelungen 4473 Namen zu ermitteln. Wie viele sowjetische Kriegsopfer tatsächlich auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg begraben sind, ist bis heute unbekannt.

Auch das alljährliche Gedenken in der Bittermark fand in diesem Jahr in kleinem Kreis statt.  In der Bittermark und im Rombergpark wurden in den letzten Tages des Krieges mehr als 300 Menschen grausam ermordet. Sehr viele waren Menschen aus der Sowjetunion, die in Dortmund und Umgebung Zwangsarbeit leisten mussten. Ihnen fehlte es an Nahrung, Kleidung und medizinischer Versorgung, sie waren zudem rassistischer Verfolgung ausgesetzt. Bereits kleinste Vergehen wurden mit dem Tode bestraft. Die Namen der sowjetischen Opfer  sind bis heute nicht bekannt. Die Listen der Gestapo verzeichnen aber mehr als 80 Namen von sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter*innen, die im Frühjahr 1945 den Vermerk entlassen tragen. Dieser  Vermerk war ein Todesurteil.   

Ar.kod M e.V. erinnerte mit einer Kranzniederlegung und einem Transparent  an die Ermordeten  der Bittermark.