Sowjetische Kriegsopfer auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund

Mit einem Schreiben vom 8.12.1946 beantwortet das Garten- und Friedhofsamt in Dortmund eine Anfrage in der es mitteilt, dass bei einem Bombenangriff am 6. Oktober 1944 die Büros, in denen sich die entsprechenden Unterlagen befanden, zerstört wurden. Darüber hinaus meldet es, für sowjetische Zivilarbeiter*innen lägen Sterbeurkunden vor und die Verstorbenen seien in Einzelgräbern begraben worden. Für die sowjetischen Kriegsgefangenen gibt es an, dass deren Beerdigung Angelegenheit der Wehrmacht gewesen sei und die Verstorbenen in Massengräbern begraben wurden.
Bekannt seien nur 1134 Namen von Zivilarbeiter*innen und 621 Namen von sowjetischen Armeeangehörigen. „Über den Rest von 3230 Toten ist nichts bekannt.“ Das Garten- und Friedhofsamt ist bemüht die gemeldete Zahl von 4985 Begräbnissen zu plausibilisieren in dem es vorrechnet: „Wenn man rund 4 Jahre zu Grunde legt, dann entfallen auf einen Tag durchschnittlich 4 Sterbefälle“. Es gibt aber zu bedenken, „dass durch Bombenabwürfe Lager mit mehr als 150 Russen an einem Tag vernichtet worden sind.“

Kurz nach Ende des Krieges teilten verschiedene Stellen in Dortmund unterschiediliche Opferzahl mit. Im Juli 1945 meldete das Garten- und Friedhofsamt auf Anfrage der Alliierten 5326 russische Staatsangehörige, die in Dortmund begraben sind, 3642 Kriegsgefangene, 1684 Zivilarbeiter*innen.
Im November 1946 heißt es in einem Schreiben der sowjetischen Militärbehörden an die britischen Militärbehörden: „Offiziell sind auf dem Friedhof 17.000 sowjetische Bürger*innen begraben. Auf der Liste der britischen Militärbehörden stehen 4985, davon 4736 Männer, 132 Frauen, 117 Kinder“ . Die Opferzahl 4985 war kurz vorher, im Oktober 1946, aus Dortmund an die britische Militärbehörde gemeldet worden.

Auf den Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund sind auf den Gräberfeldern 2,3,4,6,7,8,9,13,16,18,19 sowjetische Bürger*innen begraben. Auf den Gräberfeldern befinden sich Obelisken mit Opferzahlen. Die Gesamtzahl der Opfer von allen Obelisken beträgt 6738.

Wieviel sowjetische Kriegsopfer sind tatsächlich auf dem Internationalen Friedhof begraben?

Es fällt auf, dass im Sterbebuch für „Russische Kriegsgefangene“ alle mit „Unbekannt“ eingetragenen 3230 sowjetischen Kriegsgefangenen im Stalag VI D an der Westfalenhalle zu Tode kamen. Während die 621 namentlich in dieses Sterbebuch eingetragenen Verstorbenen in Arbeitskommandos umkamen, die ebenso wie das Stammlager VI D an der Westfalenhalle der Wehrmacht unterstanden. Offenbar nicht eingetragen wurden Opfer von Bombenabwürfen auf Lager, von denen das Garten- und Friedhofsamt vermutet, dass „mehr als 150 Russen an einem Tag vernichtet worden sind“.

Ein solcher Luftangriff ereignete sich am 4. und 5. Mai 1943 in der Umgebung des Stalag VI D an der Westfalenhalle. 35 Zivilarbeiter*innen sowie 28 französische und 240 sowjetische Kriegsgefangene kamen ums Leben. Die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden zunächst als Opfer des Bombenangriffs gemeldet. Die Zahl der getöteten Kriegsgefangenen korrigierte man aber später, indem man die 240 „russischen“ Kriegsgefangenen durchstrich und stattdessen die Zahl 28 eintrug. Ein Dokument der Wehrmacht, das in der Datenbank OBD-Memorial eingesehen werden kann, zeigt 195 namentlich genannte sowjetische Kriegsgefangenen, die bei dem Bombenangriff 5. Mai 1943 getötet und deren Überreste auf dem Internationalen Friedhof auf Feld 4 in einem Massengrab begraben wurden. Das Sterbebuch für „Russische Kriegsgefangene“ verzeichnet für Dienstag, den 4. Mai und Mittwoch, den 5. Mai 1943 keinen einzigen Sterbefall. Die Unterlagen über die Bombenopfer wurden zwar an die Wehrmachtsauskunftstelle (WASt) nach Berlin gesandt, aber offenbar ist der Lagerbericht des Stalag VI D an der Westfalenhalle für die städtischen Behörde verloren gegangen. Nach Auswertung einer großen Anzahl von Personalkarten I konnten von uns 48 Opfer gefunden werden, die in den folgenden 10 Tagen nach dem Luftangriff auf dem Internationalen Friedhof begraben wurden.

Weiter haben unsere Recherchen ergeben, dass auf vielen Personalkarten I der Kriegsgefangenen und auf den Sterbeurkunden der Zivilarbeiter*innen Grabnummern eingetragen wurden. Ein Feld auf dem Internationalen Friedhof hat z.B. Grabnummern von 1 bis 300. Ab Nummer 200 wurden die Gräber sogar doppelt belegt. Das könnte bedeuten, dass dort bis zu 400 Bestattungen vorgenommen wurden. In den Namenslisten konnten für dieses Feld bis heute nur 188 Namen gefunden werden. Das heißt, dass die Listen immer noch lückenhaft sind und die Zahl der sowjetischen Kriegsopfer, die auf dem Internationalen Friedhof begraben, möglicherweise doppelt so hoch ist.


So stellt sich die Frage nach der tatsächlichen Höhe der Opferzahl. Klarheit könnte eine gründliche wissenschaftliche Auswertung von Dokumenten in verschiedenen Archiven und eine archäologische Bodenuntersuchung auf dem Internationalen Friedhof bringen.


Gegen das Vergessen – Mahn- und Gedenkveranstaltung am 22. Juni an der Westfalenhalle in Dortmund

Für viele Menschen ist die Westfalenhalle in Dortmund mit schönen Erinnerungen an bewegende Konzerte, an spannende Sportereignisse, an interessante politische Veranstaltungen und begegnungsreiche Messen verbunden. Wir sollten aber niemals vergessen, dass dieser Ort für viele Menschen eine ganz andere Bedeutung hatte. Er war ein Ort des Leides und der Not. Ein Ort wo „manche Brust ein Seufzer dehnet, will wir hier gefangen sind“, wie das Moorsoldaten Lied sagt. Und mehr noch, für tausende Menschen war es ein Sterbeort. Im Dortmunder Stadtarchiv befindet sich das Totenbuch für sowjetische Kriegsgefangene mit mehr als 3000 Einträgen über Todesfälle aus dem Stalag VI D an der Westfalenhalle.
Von 1939 bis Anfang 1945 war an und in der Westfalenhalle ein großes Kriegsgefangenenlager. Mehr als 340.000 Menschen durchliefen das Lager, sie wurden zur Zwangsarbeit in Dortmunder Betrieben und im gesamten Umland, im Münsterland und im Sauerland, eingesetzt. Das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen war besonders schwer.

Stalag VI D an der Westfalenhallen, die Gebäude des Lagers für sowjetische Kriegsgefangene sind rot eingezeichnet. Die heutigen der Gebäude auf dem Messegelände und die Westfalenhalle sind grau eingezeichnet

Als Nazideutschland am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, war für die Naziführung und die Wehrmacht schon klar, dass es sich um einen Vernichtungskrieg handelte. Mit dem Barbarossoerlass wurde die Zivilbevölkerung zu Opfern dieses Vernichtungskriegs. Außerdem galt für die sowjetischen Kriegsgefangenen „der Kommunist ist kein Kamerad“. Die Wehrmacht rückte von Standpunkt des „soldatischen Kameradentums“ ab und setzte sich über Internationales Recht hinweg. Von 5 Mio sowjetischen Kriegsgefangenen kamen 3 Mio in deutscher Kriegsgefangenschaft um. Das ist eines der größten Kriegsverbrechen der Wehrmacht und Nazideutschlands.

Ein Schauplatz dieses Verbrechens war das heutige Messegelände rund um die Westfalenhalle, es geschah vor den Augen der Dortmunder*innen.

Bei allen schönen Erinnerungen an diesen Ort verbinden, sollte das niemals vergessen werden.
Gegen das Vergessen hatten der Förderverein Gedenkstätte Steinwache- Internationales Rombergpark Komitee, die Botschafter*innen der Erinnerung und der Historische Verein Ar.kod.M zu einer Mahn- und Gedenkstunde am 22. Juni eingeladen.