Ar.kod.M berichtet mit der Broschüre „Schatten der Vergangenheit“ über Recherchen in NRW

Der Historische Verein Ar.kod.M recherchiert seit vielen Jahren zum Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener und Zivilarbeiter*innen in Westfalen und im Rheinland. In der Broschüre „Schatten der Vergangenheit“ berichten die Autor*innen über ihre Arbeit und über ihre Erfahrungen in nordrhein-westfälischen Gemeinden. Durch umfangreiche Recherchen konnten eine sehr große Anzahl von Namen bisher namenloser sowjetischer Kriegsopfer ausfindig gemacht werden. Den Verstorbenen wurde so ihre Identität zurückgeben.

In diesem Jahr ist es 80 Jahre her, dass Nazideutschland die Sowjetunion überfiel und einen Vernichtungskrieg gegen sie führte. Dieser Vernichtungskrieg wurde nicht nur im Osten geführt, sondern er setzte sich im Deutschen Reich fort. Viele sowjetische Bürger*innen kamen ins Ruhrgebiet, nach Westfalen und ins Rheinland und mussten auf Zechen, in Stahlwerken und Rüstungsbetrieben Zwangsarbeit leisten. Die unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen ebenso wie die rassistische Verfolgung gehörten zum menschenverachtenden Programm der Nazis. Viele sowjetische Bürger*innen, insbesondere sowjetische Kriegsgefangene, wurden ums Leben gebracht. Die einheimische Bevölkerung hat mit ihnen gelebt und gearbeitet, das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter*innen konnte nicht verborgen bleiben. In NRW gibt es kaum eine Gemeinde, auf deren Friedhöfen sich nicht auch Gräber von sowjetischen Bürger*innen befinden. Oft wurden die Menschen anonym begraben, vielfach gibt es bis heute keine persönliche Erinnerung an sie. Dem Wegsehen folgte so das Vergessen.In diesem Jahr ist es 80 Jahre her, dass Nazideutschland die Sowjetunion überfiel und einen Vernichtungskrieg gegen sie führte. Dieser Vernichtungskrieg wurde nicht nur im Osten geführt, sondern er setzte sich im Deutschen Reich fort. Viele sowjetische Bürger*innen kamen ins Ruhrgebiet, nach Westfalen und ins Rheinland und mussten auf Zechen, in Stahlwerken und Rüstungsbetrieben Zwangsarbeit leisten. Die unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen ebenso wie die rassistische Verfolgung gehörten zum menschenverachtenden Programm der Nazis. Viele sowjetische Bürger*innen, insbesondere sowjetische Kriegsgefangene, wurden ums Leben gebracht. Die einheimische Bevölkerung hat mit ihnen gelebt und gearbeitet, das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter*innen konnte nicht verborgen bleiben. In NRW gibt es kaum eine Gemeinde, auf deren Friedhöfen sich nicht auch Gräber von sowjetischen Bürger*innen befinden. Oft wurden die Menschen anonym begraben, vielfach gibt es bis heute keine persönliche Erinnerung an sie. Dem Wegsehen folgte so das Vergessen.

Die Autor*innen berichten über ihre Erfahrungen in nordrhein-westfälischen Gemeinden und über ihre Recherchen, sie zeigen zudem auf, dass in NRW jede Kommune nach eigenen Vorstellung mit den Gräbern verfährt und es bisher keine landesweite systematische Erfassung von Gräbern sowjetischer Kriegsopfer gibt.

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Opferzahlen aus der Nachkriegszeit und Nachforschungen heute

Die Erinnerung an die Opfer des zweiten Weltkriegs, die als Kriegsgefangene und ZwangsarbeiterInnen in deutschen Lagern ihr Leben verloren haben, basiert in Westdeutschland auf Datenerhebungen, die der alliierte Kontrollrat durchführen ließ. In jedem Ort mussten kommunale deutsche Verwaltungen Zahlen über die verstorbenen Kriegsgefangenen und ZwangsarbeiterInnen und die Bestattungsorte zusammenstellen, dabei konnten sie nur auf Dokumente aus deutschen Verwaltungen und Betrieben zurückgreifen. Von 1945 bis 1953 sammelten die Vertreter der vier Siegermächte Daten über die Verbrechen der Nazis und fertigten Namenslisten an. In der Regel sandten Offiziere der jeweiligen Militärverwaltung Anfragen an die städtischen Verwaltungen, um Opferzahlen und Namen zu erhalten. Die Antworten, die von den Alliierten nicht in Zweifel gezogen wurden, bildeten die Grundlage für Ergebnisprotokolle. Am Ende ergab sich die Zahl der Opfer und eine, für die damalige Zeit, annähernd vollständige Namensliste der Kriegsopfer. Die Alliierten erstellten für jeden noch so kleinen Ort Ergebnisprotokolle und legten die Opferzahlen fest. Die Erfassung der Namen erfolgte nach Nationalitäten getrennt. Später wurden in Lagern und Behörden weitere Karteien und Archive gefunden. Da waren die Ergebnisprotokolle mit den Opferzahlen bereits angefertigt und kommuniziert.

Während des Krieges sind Dokumente von verstorbenen Kriegsgefangenen an die WASt (Wehrmachtsauskunftstelle) nach Berlin gesandt worden. Für Dokumente, die durch Bombenangriffe zerstört wurden, sind bei der WASt häufig Ersatzdokumente erstellt worden. Leider ging ein Teil dieser Dokumente in den letzten Monaten des Krieges in den Kriegswirren für immer verloren.
Erst Jahre später wurden die Dokumente der WASt nach Nationen aufgeteilt, katalogisiert und erforscht. Diese Aufteilung war erst in den 1960er Jahren abgeschlossen. Dennoch wurden die Opferzahlen in den Kommunen in den allermeisten Fällen nicht korrigiert.

Heute stehen für Nachforschungen zahlreiche Archive zur Verfügung, in denen eine sehr große Zahl Dokumente lagern, die Aufschluss über die Identität der Verstorbenen geben können. Diese Dokumente zeigen uns heute das Ausmaß der Verbrechen.
Das Arolsen Archives, International Center on Nazi Persecution https://arolsen-archives.org/
ermöglicht Recherchen und Anfragen. Bei der Dokumentationsstelle Dresden steht die „Datenbank sowjetische Kriegsgefangene“ zur Verfügung https://www.stsg.de/cms/dokstelle/content/auskuenfte/sowjetische-buerger/kriegsgefangene/datenbank/db-kriegsgefangene
Über 3 Mio. Dokumente von Verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen befinden sich im Gesamtarchiv des Verteidigungsministeriums der Russische Föderation (Общая База Данных – Мемориал OBD-Memorial) in Podolsk bei Moskau www.obd-memorial.ru

Zu den Beständen gehören Dokumente aus der Kriegszeit und der Nachkriegszeit, u.a. Todeslisten, Arbeitshefte aus Betrieben, Arbeitskarten, Transportlisten und Überführungskarten und Namens- und Opferlisten, die im Auftrag der Alliierten nach Kriegsende angefertigt wurden. Alle diese Dokumente sind für Interessierte offen auf den Internetseite von „OBD-Memorial“ zu sehen und sie ermöglichen heute neue Erkenntnisse durch Informationen, die nach dem Krieg nicht zugänglich waren. Mithilfe von Dokumenten der Roten Armee kann die falsche Schreibweise des Namens in vielen Fällen korrigiert werden. Der Zugang zu diesen Dokumente macht es möglich fast vollständige Namensliste von Kriegsopfer zu erstellen. Die Resultate dieser Nachforschungen ergeben höhere und viel glaubwürdiger Zahlen von Opfern, die in einem verbrecherischen Krieg gestorben sind.

Roman Anzebor

Er wurde am 19.06.1918 im Gebiet Poltawa (Ukraine) geboren.
Er war in der Landwirtschaft tätig.
Am 24.6.1941 geriet er in Litauen in deutsche Kriegsgefangenschaft.
Er wurde im Stalag (Stammlager) Stalag 311 XI C Bergen Belsen registriert und erhielt die Erkennungsmarkennummer 5852. Ab dem 13.10.1941 war er in verschiedenen Arbeitskommando der Stalags XI C und XI A Altengrabow.
Am 3.12.1942 brachte man ihn in das Stalag XI A Hemer und von dort in das Arbeitskommando 607 R, Zeche Kaiserstuhl in Dortmund.
Am 5.5.1943 verbannte er bei einem Fliegerangriff. Seine Überreste wurden auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg auf Feld 4 beerdigt. Er war 24 Jahre alt.

Grigorij Prazko

Er wurde am 13.7.1923 in Nikolaew in der Ukraine geboren. Er war Arbeiter.
Im Juni 1942 geriet er bei Kertsch in deutsche Kriegsgefangenschaft.
Er wurde im Stalag (Stammlager) VI K (326) in der Senne registriert und erhielt die Erkennungsmarkennummer 96835. Man brachte ihn von dort in das Stalag VI A Hemer, dann in das Arbeitskommando 607 R Zeche Kaiserstuhl.
Er war mehrfach für kürzere Zeit im Lazarett des Stalag VI-D  Dortmund.
Am 17.3.1944 starb er im Arbeitskommando 607 R Zeche Kaiserstuhl, die Todesursache war Erstickung. Er wurde am 20.3.1944 auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg auf Feld 7 beerdigt. Er war 21  Jahre alt

Gedenken am 9. Mai

Am 9. Mai erinnerte der Vizekonsul der Russischen Föderation Sergej Dolgopolow, der Bürgermeister Norbert Schilff und Dr. Stefan Mühlhofer mit einem Gedenken auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund an die Opfer des Krieges.


In der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1945 unterzeichnete das Oberkommando der deutschen Wehrmacht in Berlin-Karlshorst vor den Vertretern der Streitkräfte der Anti-Hitler-Koalition die bedingungslose Kapitulation.
Die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht Nazideutschlands bedeutete die Befreiung der Menschen in Deutschland und den besetzten Gebieten von der Nazi-Schreckensherrschaft.

Von deutschem Boden war ein Raub- und Vernichtungskrieg gegen die Völker Europas und insbesondere gegen die Sowjetunion ausgegangen und auf deutschem Boden wurde dieser Krieg beendet. Die Sowjetunion und die Rote Armee hatte einen entscheidenden Anteil am Sieg über Nazideutschland. Doch der Frieden wurde unter unendlichen Opfern errungen. Der zweite Weltkrieg forderte mehr als 60 Millionen Menschenleben. Nach offiziellen Angaben starben 30 Millionen Menschen auf sowjetischer Seite, die genaue Zahl der Opfer ist bis heute nicht erforscht.

In Dortmund auf dem Internationalen Friedhof sind mehrere tausenden sowjetische Bürger*innen begraben, die zur Zwangsarbeit verschleppt und ums Leben gebracht wurden.
Wir wollen in den nächsten Wochen an diese Menschen erinnern, dazu werden wir auf unserer Website den Lebensweg von sowjetischen Kriegsgefangenen, die auf dem Internationalen Friedhof begraben sind, beschreiben.

Gedenkstunde auf dem Dasbecker Friedhof

In den frühen Morgenstunden des 3. April 1944 ereignete sich in Heessen auf der Zeche Sachsen, im Flöz Präsident, eine Schlagwetterexplosion. 169 Bergleute kamen damals ums Leben, darunter auch 113 ausländische Kumpel.

Der historische Verein Ar.kod.M. e.V. und der Allgemeine Knappenverein „Glück Auf“ Hamm-Nordenfeldmark Heessen 1907 e.V. erinnerten mit einem Gedenken am 3. April am Gedenkstein auf dem Dasbecker Friedhof an das Bergwerksunglück und an das Schicksal der Bergleute.  An dem Gedenken nahmen auch die Vertreter*innen der Stadt Hamm, des Stadtbezirks Heessen und der Gewerkschaft IGBCE teil.

Gedenken am Karfreitag 2021

Mit einer Gedenkstunde auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund erinnerte der Historische Verein Ar.kod.M e.V.,  gemeinsam mit dem Förderverein Gedenkstätte Steinwache-Internationales Rombergpark Komitee und der VVN-BdA,  an die Menschen, die in Dortmund Zwangsarbeit leisten mussten und hier ums Leben gebracht wurden. Wegen der Corona-Pandemie fand das Gedenken in kleinem Kreis statt.

Ar.kod M gedachte mit 2 Transparenten der sowjetischen Kriegsopfer.  Die Transparente tragen die Namen und Portraits von 12 sowjetischen Kriegsgefangenen, die auf dem Internationalen Friedhof begraben sind. Die meisten sowjetischen Kriegsopfer wurden anonym begraben. Inzwischen ist es gelungen 4473 Namen zu ermitteln. Wie viele sowjetische Kriegsopfer tatsächlich auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg begraben sind, ist bis heute unbekannt.

Auch das alljährliche Gedenken in der Bittermark fand in diesem Jahr in kleinem Kreis statt.  In der Bittermark und im Rombergpark wurden in den letzten Tages des Krieges mehr als 300 Menschen grausam ermordet. Sehr viele waren Menschen aus der Sowjetunion, die in Dortmund und Umgebung Zwangsarbeit leisten mussten. Ihnen fehlte es an Nahrung, Kleidung und medizinischer Versorgung, sie waren zudem rassistischer Verfolgung ausgesetzt. Bereits kleinste Vergehen wurden mit dem Tode bestraft. Die Namen der sowjetischen Opfer  sind bis heute nicht bekannt. Die Listen der Gestapo verzeichnen aber mehr als 80 Namen von sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter*innen, die im Frühjahr 1945 den Vermerk entlassen tragen. Dieser  Vermerk war ein Todesurteil.   

Ar.kod M e.V. erinnerte mit einer Kranzniederlegung und einem Transparent  an die Ermordeten  der Bittermark.

Sowjetische Kriegsgefangene leisten Widerstand

Bis heute suchen Familien aus der ehemaligen Sowjetunion nach ihren Angehörigen, die während des 2. Weltkriegs nach Deutschland verschleppt wurden und nicht nach Hause zurückkehrten. Meistens haben sie für diese Suche nur wenig Erinnerungsstücke, z.B. Briefe oder Fotos. Eine Familie sandte eine Anfrage an uns und bat um unsere Mithilfe bei der Suche. Sie besitzt einen Brief aus der Nachkriegszeit, der Auskunft über das Schicksal ihres Angehörigen gibt. In diesem Brief berichtet der Mitgefangene Nikolai Pimburskij der Familie von Jakow Martinowitsch Pugolowkin über dessen Arbeit im Widerstand.

Jakow Martinowitsch Pugolowkin

(Brief an Jakow Martinowitsch Pugolowkins Familie)

Der Verfasser des Briefes nennt Jakow Martinowitsch Pugolowkin versehentlich Jakow Michailowitsch

26. April 1961

Guten Tag Pawel Kuzmitsch,

Ich schreibe in der Hoffnung, dass Jakow Michailowitsch inzwischen zuhause ist. Ihre Nachricht, durch die ich erfuhr, dass er noch nicht nach Hause zurückkehrte war, hat mich sehr erschüttert.
Jakow Michailowitsch und ich waren vom Herbst 1942 bis Herbst 1944 gemeinsam in Westdeutschland, in der Stadt Dortmund. Dort arbeiteten wir als Sanitäter im Lazarett für sowjetischen Kriegsgefangene. Das Lazarett war groß. Es gab viele Baracken für verschiedene Kranke: in einer Baracke waren solche mit Magenkrankheiten, in einer anderen die chirurgischen Fälle u.s.w.
Ich betreute die Schwerkranken in der Tuberkulosebaracke. In unserer Baracke gab es auch Räume für Patienten mit anderen ansteckenden Krankheiten: z.B. Typhuskranke . Kurz gesagt: die Baracke galt als infektiöse und die Deutschen hatten Angst zu uns zu kommen.
Jakow Michailowitsch war Sanitäter und für die Erfassung von Zahlen zuständig. Er bewegt sich wohl in allen Baracken. Er registrierte auch die Gesundgeschriebenen, die wieder in die Arbeitskommandos geschickte wurden, außerdem er gab Informationen über die Anzahl der verbliebenen Leute an die Serben-Übersetzer, die die Lebensmittel bestellten: Suppe und Brot.

Ich und Jakow Michailowitsch waren Mitglieder einer Geheimorganisation und Freunde. In meiner Baracke befand sich ein kleiner Untersuchungsraum, dort war ich ungestört. Jakow Michailowitsch brachte mir Flugblätter, welche ich mit Kohlepapier vervielfältigte und ihm zurückgab. Er wählt zuverlässige Leute unter den Entlassenen aus und übergab ihnen die Flugblätter für die Verbreitung in den Arbeitskommandos, darüber hinaus gab er den Leuten Instruktionen und Aufgaben, wie und welche Sabotageakte gegen die Deutsche durchgeführt werden können: in Betrieben Brände legen, Maschinen und Werkbänke unbrauchbar machen usw. Alle dies macht er mit großer Vorsicht. Ich vervielfältigte aber nur die Flugblätter. Man schützte mich, damit keiner etwas über mich erfährt, denn für mich war es leicht in der Baracke, die als hochinfektiös galt, Flugblätter zu vervielfältigen. Außerdem habe ich auf Anweisung von Jakow Michailowitsch mehrere Kranke länger als infektiöse krankgeschrieben z.B. mit Krätze, so dass sie bei uns mehrere Monate in Quarantäne lagen.

Im Herbst 1944 verhafteten die Deutschen Jakow Michailowitsch und brachten ihn in ein Straflager. Es war aber nicht weit von unserem Lager entfernt. Man brachte ihn noch 3 Mal zu uns in die Banja. Bei dieser Gelegenheit sprach ich mit ihm. Er sagt mir, die Deutschen hätten ihn verhört und immer nach Flugblättern gefragt. Sie wüssten aber nichts Genaues, sondern hätten nur Vermutungen. Er sagte mir auch, die Flugblattaktionen müssten zeitweise unterbrochen werden bis die Deutschen sich beruhigt hätten.
Kurz danach überführten die Deutschen alle Ärzte und Sanitäter aus unserem Lazarett in verschiedene andere Lager. Sie vermuteten, dass bei uns irgendwelche Aktion durchgeführt würden und wollten alle Verbindungen zerschlagen.

Auch mich brachten sie in ein anderes Lager. Es stellte sich heraus, dass ich an Tuberkulose erkrankt war. Ich spürte die Krankheit bereits, war aber noch auf den Beinen. Kurze Zeit später wurde ich sehr schwach und hatte jeden Tag bis zu 40 Grad Fieber. Als Schwerkranker hörte ich, dass Jakow Michailowitsch im Gefängnis sitzt. (Wahrscheinlich war er in Gestapo-Haft Anm. d.Ü.). Er hatte versucht durch ein Fenster in einem höheren Stockwerk zu fliehen. Beim Abseilen stürzte er ab und wurde schwer verletzt. Die Deutschen haben ihn wieder inhaftiert. Danach hörte ich nichts mehr von ihm. Ich war damals dem Tode nah und erinnere mich nicht, von wem ich über seinen Fluchtversuch erfuhr.

Bald darauf wurden wir von den Alliierten befreit und der sowjetischen Mission übergeben. Als ich 1945 nach Hause kam, wurde ich als Invalide des Vaterländischen Krieges eingestuft und bekam eine Rente. Ich war schwerkrank und die Ärzte sagten meiner Frau, ich würde die nächsten 2 Wochen nicht überleben. Dennoch blieb ich am Leben und war 3 Jahre krank. 1948 wurde ein neues Medikament – Streptomycin – zugänglich. Es bewirkte, dass ich schnell gesund wurde. Seit 1948 arbeite ich als Lehrer. Es geht mir gut.

Jakow Michailowitsch war ein wahrer Sohn seines Vaterlandes, ein echter Patriot der Sowjetischen Heimat, tapfer, ein furchtloser Kämpfer mit großer Seele, ein verständnisvoller Kamerad, ein großartiger Mensch, alle mochten ihn. Sein Sohn kann auf seinen Vater stolz sein.
Auch Kameraden, von denen ich positiven Empfehlungen erhielt, wussten nichts über Jakow Michailowitsch. Möglicherweise habe ich mich schuldig gemacht habe, weil ich Ihnen nicht sofort über meine Begegnung mit Jakow Michailowitsch geschrieben habe, aber ich war todkrank und ich konnte niemandem schreiben.

Ich sende Ihnen meine Glückwünsche zum 1. Mai!
Ich verneige mich vor Ihnen und wünsche Ihnen Glück

Nikolai Pimburskij
Moskau“

Selbst Beton hält nicht gegen das Vergessen
– der Krieg gegen Denkmäler

Nachdem 2. Weltkrieg wurden oft Denkmäler von denen errichtet, die Zwangsarbeit, Hunger, Entbehrungen und rassistische Verfolgung überleben hatten. Sie wollen damit an die erinnern, die diese Qualen nicht überlebt hatten und Opfer des Krieges und der Naziherrschaft wurden. Diese Erinnerung war nach dem Krieg nicht gefragt. Die Denkmäler entsprachen nicht den Vorstellungen derer, die Erinnerungsarbeit im Westen Deutschlands gestaltet haben und dabei große Opfergruppen nicht nannten.

Die Denkmäler in Stukenbrock

Im Mai 1945, nach der Befreiung des Stalag VI K in Stukenbrock, stellte die Lagerkommandatur, die aus ehemaligen Gefangenen des Lagers bestand, eigene Untersuchung über die im Lager begangenen Verbrechen an. Nach den Erinnerungen der Gefangenen wurde die Stelle auf dem nahegelegenen katholischen Friedhof gefunden, an der 41 sowjetische Offiziere beerdigt waren, die im Jahr 1941 Widerstand leisten und erschossen wurden. Gleich nach der Befreiung des Lagers wurde von den Gefangenen, ein kleines Denkmal an diesem Ort errichtet. Als das Fundament gelegt wurde, fand man Munitionsreste und Knöpfe mit Sowjetstern. Das Hauptdenkmal auf dem Lagerfriedhof und das kleine Denkmal trugen das gleiche Motiv, ein Helm und ein Gewehr. Das war ein Symbol für die Einheit der beiden Denkmäler. Bis zum Tag ihrer Abreise in die Heimat hielten ehemalige Kriegsgefangene verschiedener Nationen Ehrenwache auch vor dem kleinen Denkmal. Was mit den beiden Denkmälern in Stukenbrock von 1945 bis in die 1960ziger Jahre geschah ist uns nicht bekannt.

Quelle: Broschüre „Stalag 326 Stukenbrock“

1963 wurde der Abriss des großem Obelisk auf dem ehemaligen Lagerfriedhof beschlossen. Man hielt das Denkmal für unangemessen, die Trauer über den Tod so vieler Menschen zum Ausdruck zu bringen. Stattdessen sollte ein Denkmal mit einer „weinenden Mutter“ errichtet werden. Diese Pläne wurden von der sowjetischen Seite abgelehnt. Der Obelisk auf dem Lagerfriedhof blieb erhalten. Das kleine Denkmal auf dem katholischen Friedhof wurde, wie Zeitzeugen berichten, 1963 gesprengt. Egal wie unglaubwürdige eine Sprengung auf einem Friedhof klingt, einer Zerstörung des kleinen Denkmals hat niemand im Kreis Paderborn widersprochen. Grund für seine Beseitigung war, dass auf dem Friedhof Platz geschaffen werden sollte für die Beerdigung von Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, die in der Nachkriegszeit in den Baracken des ehemaligen Lagers lebten. Das Lager diente jedoch nur bis 1958 als Unterkunft für Vertriebene.
Was aber geschah mit den Gebeinen der 41 sowjetischen Offiziere? Es gibt Hinweise auf die Exhumierung von 20 Gebeinen und eine provisorische Umbettung auf einen evangelischen Friedhof in Paderborn. Die Gebeine scheinen jedoch verschollen zu sein. Heute sind 31 Namen bekannt, aber nur 15 Namen sind symbolisch auf den neuen Stelen auf Lagerfriedhof, der auch Russischer Friedhof genannt wird, aufgenommen. Unserer Meinung nach sind archäologische Ausgrabungen und weitere Forschungen in regionalen Archiven nötig, um den Verbleib der Gebeine und ihre angebliche Umbettung aufzuklären.

Quelle: Broschüre „Stalag 326 Stukenbrock“

Der Obelisk auf dem Lagerfriedhof wurde umgebaut. Die Rote Fahne auf der Spitze des Denkmals verschwand und wurde durch ein orthodoxes Kreuz ersetzt. Die Beschwerden von Aktivist*innen haben in Jahren 2000 dazu geführt, dass die damalige, SPD-geführte Landesregierung den ursprünglichen Zustand wieder herstellen wollte. Die Rote Fahne sollte wieder auf der Spitze angebracht werden. Dieser Beschluss wurde nie umgesetzt.

Das Denkmal in Dortmund

Genau wie in Stukenbrock hatten, nach ihrer Befreiung, Kriegsgefangenen in Dortmund ein Denkmal für ihre im Stalag VI D an der Westfalenhalle ums Leben gekommenen Kameraden erbaut. Nach einem Entwurf vom H.J. Krause aus Herne errichteten sie ein 10 Meter hohes Denkmal, das im November 1946 eingeweiht wurde. Die Erbauer wählten für dieses Denkmal einen herausgehobenen Platz am Haupteingang des Hauptfriedhofs. Auch an diesem Denkmal, das Eigentum der Sowjetunion bzw. ihres Rechtsnachfolgers ist, hielten zum Ende 1946 ehemaligen Kriegsgefangenen eine Ehrenwache. Als Anfang der 1960ziger Jahre die Verbreiterung der B 1 geplant wurde, soll eine Firma, die am Hauptfriedhof ansässig ist, Grundstücke, die sich in ihrem Besitz befanden und die für die Verbreiterung gebraucht wurden, beigesteuert haben. Im Gegenzug soll sie Grundstücke am Haupteingang des Hauptfriedhof erhalten haben. Auf einem dieser Grundstücke befand sich zu dieser Zeit das Denkmal zur Erinnerung an die verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter*innen. Im Jahr 1963 wurde das Denkmal von seinem Platz am Eingang des Hauptfriedhofs entfernt und eingelagert. 1965 errichtet man es auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg, der auch als Ausländerfriedhof bekannt ist. Die Presse berichtete damals, dass dies „mit Zustimmung den sowjetischen Seite“ geschah. Unsere Anfrage beim Außenministerium und bei der Botschaft der Russischen Föderation haben jedoch ergeben, dass kein einziges Dokument vorliegt, in dem die Zustimmung erteilt wurde.

Wenn auch der neue Platz des Denkmals auf dem Internationalen Friedhof, bei den Gräbern derer, an die es erinnern soll, nach unserer Auffassung angemessen ist, so stellen sich doch einige Fragen zum Ablauf der Umsetzung. Am ursprünglichen, herausgehobenen Platz des Denkmals befinden sich heute Betriebe, die Grabsteine oder Blumen anbieten, und ein Parkplatz.

Das Denkmal in Hamm

Im April 1944 ereignete sich auf der Zeche Sachsen in Hamm-Heessen ein Grubenunglück mit vielen Todesopfern. Insgesamt verunglückten 169 Bergleute, darunter 68 Deutschen und 101 sowjetische Kriegsgefangene. Viele der Verunglückten blieben unter Tage. Für die sowjetischen Opfer wurde nach der Befreiung 1945 ein Obelisk mit ihren Namen auf dem Zechengelände errichtet. Bis Mitte der 1980ziger Jahre stand dieses Denkmal dort. Danach wurde es entfernt. Wer die Entscheidung traf und warum die Stadt Hamm erst im Nachhinein benachrichtigt wurde, ist uns nicht bekannt. Die Platten mit den Namen wurden abgebaut und der Kern zerstört. Nach Informationen aus der Hammer Stadtarchiv sind die Platten wohl für immer verloren. Unsere Nachforschungen haben jedoch gezeigt, dass noch Originaldokumente über das Grubenunglück vorhanden sind, darunter auch eine Namensliste der sowjetische Opfer.

Quelle: BBA 54/851

Auf dem Dasbecker Friedhof in Hamm Heessen steht ein Gedenkstein, der an das Bergwerksunglück vom 3. April 1944 erinnert. Es trägt die Inschrift „Für unsere Kameraden und die russischen Kriegsgefangenen“. Daneben steht eine Tafel mit den Namen der deutschen Opfer. Die Informationen aus dem Hammer Stadtarchiv würden die Schaffung einer Erinnerungstafel mit den Namen der ausländischen Bergleute auf dem Dasbecker Friedhof erlauben. Die Stadt Hamm hat für ein solches Vorhaben inzwischen Gesprächsbereitschaft signalisiert.

Das Denkmal in Hemer auf dem Friedhof „Dulo“

Das Stalag VI A in Hemer war das drittgrößte Kriegsgefangenenlager in der Region. Die Stadt Hemer hat zwei Friedhöfe, auf denen Kriegsgefangenen, die im Lager umgekommen sind, begraben wurden. Der größte ist der Friedhof am „Dulo“. Auch hier steht, wie in Dortmund und Stukenbrock, ein Denkmal, das nach den gleichen Muster von Kriegsgefangenen nach ihrer Befreiung 1945 erbaut wurde. Das Denkmal befindet sich am höchsten Punkt der Stadt und die Spitze des Denkmals ziert ein Sowjetstern.

In den 1960ziger Jahren sollte dieser Stern vom Denkmal verschwinden. Es könne nicht sein, dass ein Sowjetstern die Stadt dominiert, beklagten einige Stadtobere. Der damalige Bürgermeister teilte jedoch mit, dass für den Umbau des Denkmals 56 000 D-Mark gebraucht würden. Käme die Summe durch die Einwohner zusammen, würde der Stern abgebaut, ansonsten sei die Sache erledigt.

Das Grabmal auf dem Friedhof in Dortmund Husen

Unsere Recherchen haben gezeigt, dass nicht nur größere Denkmäler betroffen sind, sondern auch Grabmale auf Einzel- oder Gruppengräber sind nicht sicher vor Zerstörung. Auf dem Friedhof in Dortmund Husen wurde vor wenigen Jahren ein Grabmal mit einem Sowjetstern, das an 2 sowjetische Kriegsopfer erinnerte, entfernt.

Angeblich war das Grabmal nicht mehr sicher. Nach Protesten wurde unter Beteiligung der russischen Botschaft und mit Zustimmung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge zwei Kreuze mit den Namen der Verstorbenen errichtet.

Das Geschehen seit dem Bau der Denkmäler und Grabstätten in den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg, ihre Pflege und Erhaltung in der Nachkriegszeit bis heute zeigt in vielerlei Hinsicht die Haltung von Politik und Verwaltung gegenüber diesen Baudenkmälern.

Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass an die Menschen, die durch Zwangsarbeit, Hunger, Entbehrungen und rassistische Verfolgung ums Leben gebracht wurden, in ihrem Sinne erinnert wird.

Tag des Erinnerns

Der Tag des „Unbekannten Soldaten“ wird in Russland und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion 3. Dezember gegangen. An diesem Tag erinnert man sich an die Menschen, die für Freiheit und Unabhängigkeit ihrer Heimat gefallen sind, deren Todesumstände aber unbekannt sind.
Dass es sich nicht um ein Gedenken fremder Menschen in einem fernen Land handelt, das uns nichts angeht, wird deutlich, wenn wir den Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund besuchen. Die sowjetischen Kriegsgefangenen, die im Stalag VI D an der Westfalenhalle ums Leben gebracht wurden, begrub man hier namenlos. Den Familien war das Schicksal und die Todesumstände der Verstorbenen für Jahrzehnte nicht bekannt.

I

Inzwischen ist es dem historischen Vereins Ar.kod.M gelungen, etwa 2500 Namen von sowjetischen Bürger*innen zu ermitteln, die auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund begraben sind. Anlässlich des Gedenktags brachte der historische Verein 3 Tafeln dort an. Sie zeigen das Portrait und den Namen von sowjetischen Kriegsgefangenen, die auf diesem Friedhof begraben sind. Der Verein will so 3 Menschen einen Name und ein Gesicht geben, beispielhaft für die Tausenden Toten, die hier liegen und an die weder ein Kreuz noch eine persönliche Inschrift erinnert.

Pawlowskij, Alexej Grigorjewitsch

wurde am 18.10.1909 in Kursk geboren. Sein letzter Wohnort war im Gebiet Woronesch im Dorf Nikolaewka, von Beruf war er Schlosser.
Am 11.06.1942 geriet er im Gebiet Orel in deutsche Kriegsgefangenschaft.
Er wurde im Stalag (Stammlager) VI-K, Stukenbrock-Senne, registriert und erhielt die Erkennungsmarkennummer 111009. Man brachte ihn von dort in das Stalag VI D nach Dortmund, dann nach Hemer in das Stalag VI A und schließlich in das Arbeitskommando 470/2250 Lager Langenruthe, Kalkwerke Letmathe.
Am 10.11.43 floh er, wurde aufgegriffen und in das Arbeitskommando 754 Dorstfeld, ein Straflager, gebracht. Bei einem erneuten Fluchtversuch am 22.12.1943  wurde er erschossen und am 23.12.1943 auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg auf Feld 3 beerdigt. Er war 34 Jahre alt

Samusew, Grigorij Wasiljewitsch

wurde am 03.02.1922 in Smolensk geboren. Sein letzter Wohnort war im Gebiet Smolenskaja, im Dorf Schewantino, er arbeitete in der Landwirtschaft.
Im Oktober 1941 geriet er bei Kiew in deutsche Kriegsgefangenschaft. Er war verwundet.

Er wurde im Stalag  VI-K, Stukenbrock-Senne, registriert und erhielt der Erkennungsmarkennummer 135357. Man brachte ihn Ende September 1943 in das Stalag VI-A nach Hemer und von dort zur Arbeit in das Arbeitskommando 762, Zeche Ickern (Castrop-Rauxel, Waltrop). Am 5.01.1944 kam er in das Lagerlazarett. Am 26.01.1944 nach Bocholt in das Stalag VI-F, einen Monat später nach Dortmund in das Stalag VI-D an der Westfalenhalle und von dort in das Arbeitskommando 3056 in Dortmund Eving. Am 25.03.1944 starb er und wurde auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund auf Feld 7 begraben. Er war 22 Jahre alt.

Kolbin, Daniil Romanowitsch

wurde 1904 im Gebiet Kirow, im Dorf Tschura geboren. Sein letzter Wohnort war auf der Krim im Gebiet Feodosija, im Dorf Koktebel. Er war verheiratet und hatte 2 Kinder.

Wann er in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet ist nicht bekannt, ebenso sein Weg durch die Lager und die Umstände seines Todes. Gestorben ist er am 13.01.1945. Er wurde auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund auf Feld 8 begraben. Er war 41 Jahre alt.

Ein Hund läuft über eine grüne Wiese – Gedenken in Dortmund

Ein Hund läuft über eine grüne Wiese, neben ihm der stolzer Besitzer des Vierbeiners. Die Wiese ist groß und beide haben viel Spaß. Der Hund hat keinen Verstand und sieht in dem Ganzen ein Spiel auf dem Hundeplatz. Das Spiel kennt er, nur heute fehlt die Absperrung und der Spielplatz ist viel größer. Er bemerkt die Begeisterung von Herrchen und Frauchen, er macht Alles richtig. Normalerweise wäre das ein herrliches Bild, aber das ausgelassene Spiel geschieht auf den Gräberfeldern des Internationalem Friedhof Dortmund.

Die Gräberfelder auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg sind schon lange ein beliebter Platz zum Gassi gehen und eine Spielwiese für Hunde. Nicht nur den Hunden, sondern auch ihren Besitzer*innen ist wahrscheinlich unbekannt, dass unter der große Rasenfläche tausende ausländische Kriegsopfer liegen, die in Dortmund Zwangsarbeit leisten mussten.

Gräberfeld sowjetischer Kriegsopfer auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg mit Hund und Herr

Nichts weist mehr auf die Tragik des Ortes hin, außer einem kleinen Schild am Eingang. Selbst das sowjetischen Mahnmal, das in den 1960ziger hierher umgesetzt wurde und die Hauptallee krönt, gibt keine Auskunft darüber, dass hier tausende Menschen begraben sind. Ein ganz anderes Bild zeigt sich auf dem Hauptfriedhof, wo die deutschen Kriegsopfer bestattet wurden. Tausende personalisierte Kreuze für nicht nur Bombenopfer, sondern auch für Soldaten der Wehrmacht, SS-Leute, Polizisten und Volkssturmleute kann man dort finden.

Gräber deutscher Kriegsopfer auf dem Hauptfriedhof in Dortmund

Wer hat über das Aussehen des Internationalen Friedhofs am Rennweg entschieden?

Während des Zweiten Weltkrieges ist hier eine unbekannte Zahl von Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter*innen, die an durch Hunger, Krankheit und unmenschlichen Arbeitsbedingungen ums Leben gebracht wurden, beerdigt worden. Damals erhielten die Gräber der Zivilarbeiter*innen „weiße Kreuze“ und auf den Gräbern der Kriegsgefangenen waren Blechschilder. In den 1960ziger Jahren hat die Stadt Dortmund den Internationalen Friedhof neugestaltet. Das sowjetische Mahnmal wurde vom Haupteingang des Hauptfriedhof am Gottesacker auf den Internationalen Friedhof umgesetzt und die Gräber der sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter*innen auf dem Internationalen Friedhof wurden vom Friedhofsamt der Stadt Dortmund eingeebnet. Es entstanden Rasenflächen, die leicht zu pflegen sind. Nach unserer Kenntnis wurde für diese Veränderungen die Zustimmung der Sowjetunion, die Eigentümerin des Mahnmals war und deren Staatsangehörige in den eingeebneten Kriegsgräbern begraben sind, nicht bei der sowjetischen Botschaft eingeholt.

Auf dem Internationalen Friedhof gibt es weder einen separaten Zaun noch ein Tor, die die Gräber schützten, wie in auf den Friedhöfen in Stukenbrock oder Hemer, wo ebenfalls tausende sowjetische Kriegsgefangene begraben sind. In der Nachkriegszeit erinnerten sich viele Dortmunder*innen noch an diesen Friedhof.
Heute erhält der Friedhof wenig Beachtung. Es gibt nur noch wenige Zeitzeuge, die sich an ihn erinnern und viele jüngere Dortmunder*innen wissen oft nichts über den Internationalen Friedhof. Sie wissen nicht, dass es sich bei den Rasenflächen um Gräberfelder handelt, die bis an die Zäune reichen. Selbst die Mitarbeiter*innen den Friedhofsverwaltung denken nicht daran, dass auch unter den neu angelegten Wegen Grabstätten sind.

Nur so kann man erklären, dass die Gräber auf dem Internationalen Friedhof zum Hundespielplatz wurde. Sicherlich ist es kein fehlender Respekt der Hundebesitzer*innen, sondern Unkenntnis über die Tragik des Ortes. Die Stadt Dortmund plant seit mehr als 6 Jahren die Umgestaltung der Gräberfelder und die Aufstellung von 58 Stellen mit Namen der hier begrabenen sowjetischen Kriegsopfern. Bis heute aber ist das Projekt nicht umgesetzt. Nur selten, z.B. am Volkstrauertag gibt es ein Gedenken und es werden Kränze oder Blumen dort niedergelegt. Es wundert also nicht, dass Hunde ungestört ihr „Geschäft“ dort verrichten und mit „Herrchen“ oder „Frauchen“ auf den Rasenflächen herumtollen.