Opferzahlen aus der Nachkriegszeit und Nachforschungen heute

Die Erinnerung an die Opfer des zweiten Weltkriegs, die als Kriegsgefangene und ZwangsarbeiterInnen in deutschen Lagern ihr Leben verloren haben, basiert in Westdeutschland auf Datenerhebungen, die der alliierte Kontrollrat durchführen ließ. In jedem Ort mussten kommunale deutsche Verwaltungen Zahlen über die verstorbenen Kriegsgefangenen und ZwangsarbeiterInnen und die Bestattungsorte zusammenstellen, dabei konnten sie nur auf Dokumente aus deutschen Verwaltungen und Betrieben zurückgreifen. Von 1945 bis 1953 sammelten die Vertreter der vier Siegermächte Daten über die Verbrechen der Nazis und fertigten Namenslisten an. In der Regel sandten Offiziere der jeweiligen Militärverwaltung Anfragen an die städtischen Verwaltungen, um Opferzahlen und Namen zu erhalten. Die Antworten, die von den Alliierten nicht in Zweifel gezogen wurden, bildeten die Grundlage für Ergebnisprotokolle. Am Ende ergab sich die Zahl der Opfer und eine, für die damalige Zeit, annähernd vollständige Namensliste der Kriegsopfer. Die Alliierten erstellten für jeden noch so kleinen Ort Ergebnisprotokolle und legten die Opferzahlen fest. Die Erfassung der Namen erfolgte nach Nationalitäten getrennt. Später wurden in Lagern und Behörden weitere Karteien und Archive gefunden. Da waren die Ergebnisprotokolle mit den Opferzahlen bereits angefertigt und kommuniziert.

Während des Krieges sind Dokumente von verstorbenen Kriegsgefangenen an die WASt (Wehrmachtsauskunftstelle) nach Berlin gesandt worden. Für Dokumente, die durch Bombenangriffe zerstört wurden, sind bei der WASt häufig Ersatzdokumente erstellt worden. Leider ging ein Teil dieser Dokumente in den letzten Monaten des Krieges in den Kriegswirren für immer verloren.
Erst Jahre später wurden die Dokumente der WASt nach Nationen aufgeteilt, katalogisiert und erforscht. Diese Aufteilung war erst in den 1960er Jahren abgeschlossen. Dennoch wurden die Opferzahlen in den Kommunen in den allermeisten Fällen nicht korrigiert.

Heute stehen für Nachforschungen zahlreiche Archive zur Verfügung, in denen eine sehr große Zahl Dokumente lagern, die Aufschluss über die Identität der Verstorbenen geben können. Diese Dokumente zeigen uns heute das Ausmaß der Verbrechen.
Das Arolsen Archives, International Center on Nazi Persecution https://arolsen-archives.org/
ermöglicht Recherchen und Anfragen. Bei der Dokumentationsstelle Dresden steht die „Datenbank sowjetische Kriegsgefangene“ zur Verfügung https://www.stsg.de/cms/dokstelle/content/auskuenfte/sowjetische-buerger/kriegsgefangene/datenbank/db-kriegsgefangene
Über 3 Mio. Dokumente von Verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen befinden sich im Gesamtarchiv des Verteidigungsministeriums der Russische Föderation (Общая База Данных – Мемориал OBD-Memorial) in Podolsk bei Moskau www.obd-memorial.ru

Zu den Beständen gehören Dokumente aus der Kriegszeit und der Nachkriegszeit, u.a. Todeslisten, Arbeitshefte aus Betrieben, Arbeitskarten, Transportlisten und Überführungskarten und Namens- und Opferlisten, die im Auftrag der Alliierten nach Kriegsende angefertigt wurden. Alle diese Dokumente sind für Interessierte offen auf den Internetseite von „OBD-Memorial“ zu sehen und sie ermöglichen heute neue Erkenntnisse durch Informationen, die nach dem Krieg nicht zugänglich waren. Mithilfe von Dokumenten der Roten Armee kann die falsche Schreibweise des Namens in vielen Fällen korrigiert werden. Der Zugang zu diesen Dokumente macht es möglich fast vollständige Namensliste von Kriegsopfer zu erstellen. Die Resultate dieser Nachforschungen ergeben höhere und viel glaubwürdiger Zahlen von Opfern, die in einem verbrecherischen Krieg gestorben sind.

Sowjetische Kriegsgefangene leisten Widerstand

Bis heute suchen Familien aus der ehemaligen Sowjetunion nach ihren Angehörigen, die während des 2. Weltkriegs nach Deutschland verschleppt wurden und nicht nach Hause zurückkehrten. Meistens haben sie für diese Suche nur wenig Erinnerungsstücke, z.B. Briefe oder Fotos. Eine Familie sandte eine Anfrage an uns und bat um unsere Mithilfe bei der Suche. Sie besitzt einen Brief aus der Nachkriegszeit, der Auskunft über das Schicksal ihres Angehörigen gibt. In diesem Brief berichtet der Mitgefangene Nikolai Pimburskij der Familie von Jakow Martinowitsch Pugolowkin über dessen Arbeit im Widerstand.

Jakow Martinowitsch Pugolowkin

(Brief an Jakow Martinowitsch Pugolowkins Familie)

Der Verfasser des Briefes nennt Jakow Martinowitsch Pugolowkin versehentlich Jakow Michailowitsch

26. April 1961

Guten Tag Pawel Kuzmitsch,

Ich schreibe in der Hoffnung, dass Jakow Michailowitsch inzwischen zuhause ist. Ihre Nachricht, durch die ich erfuhr, dass er noch nicht nach Hause zurückkehrte war, hat mich sehr erschüttert.
Jakow Michailowitsch und ich waren vom Herbst 1942 bis Herbst 1944 gemeinsam in Westdeutschland, in der Stadt Dortmund. Dort arbeiteten wir als Sanitäter im Lazarett für sowjetischen Kriegsgefangene. Das Lazarett war groß. Es gab viele Baracken für verschiedene Kranke: in einer Baracke waren solche mit Magenkrankheiten, in einer anderen die chirurgischen Fälle u.s.w.
Ich betreute die Schwerkranken in der Tuberkulosebaracke. In unserer Baracke gab es auch Räume für Patienten mit anderen ansteckenden Krankheiten: z.B. Typhuskranke . Kurz gesagt: die Baracke galt als infektiöse und die Deutschen hatten Angst zu uns zu kommen.
Jakow Michailowitsch war Sanitäter und für die Erfassung von Zahlen zuständig. Er bewegt sich wohl in allen Baracken. Er registrierte auch die Gesundgeschriebenen, die wieder in die Arbeitskommandos geschickte wurden, außerdem er gab Informationen über die Anzahl der verbliebenen Leute an die Serben-Übersetzer, die die Lebensmittel bestellten: Suppe und Brot.

Ich und Jakow Michailowitsch waren Mitglieder einer Geheimorganisation und Freunde. In meiner Baracke befand sich ein kleiner Untersuchungsraum, dort war ich ungestört. Jakow Michailowitsch brachte mir Flugblätter, welche ich mit Kohlepapier vervielfältigte und ihm zurückgab. Er wählt zuverlässige Leute unter den Entlassenen aus und übergab ihnen die Flugblätter für die Verbreitung in den Arbeitskommandos, darüber hinaus gab er den Leuten Instruktionen und Aufgaben, wie und welche Sabotageakte gegen die Deutsche durchgeführt werden können: in Betrieben Brände legen, Maschinen und Werkbänke unbrauchbar machen usw. Alle dies macht er mit großer Vorsicht. Ich vervielfältigte aber nur die Flugblätter. Man schützte mich, damit keiner etwas über mich erfährt, denn für mich war es leicht in der Baracke, die als hochinfektiös galt, Flugblätter zu vervielfältigen. Außerdem habe ich auf Anweisung von Jakow Michailowitsch mehrere Kranke länger als infektiöse krankgeschrieben z.B. mit Krätze, so dass sie bei uns mehrere Monate in Quarantäne lagen.

Im Herbst 1944 verhafteten die Deutschen Jakow Michailowitsch und brachten ihn in ein Straflager. Es war aber nicht weit von unserem Lager entfernt. Man brachte ihn noch 3 Mal zu uns in die Banja. Bei dieser Gelegenheit sprach ich mit ihm. Er sagt mir, die Deutschen hätten ihn verhört und immer nach Flugblättern gefragt. Sie wüssten aber nichts Genaues, sondern hätten nur Vermutungen. Er sagte mir auch, die Flugblattaktionen müssten zeitweise unterbrochen werden bis die Deutschen sich beruhigt hätten.
Kurz danach überführten die Deutschen alle Ärzte und Sanitäter aus unserem Lazarett in verschiedene andere Lager. Sie vermuteten, dass bei uns irgendwelche Aktion durchgeführt würden und wollten alle Verbindungen zerschlagen.

Auch mich brachten sie in ein anderes Lager. Es stellte sich heraus, dass ich an Tuberkulose erkrankt war. Ich spürte die Krankheit bereits, war aber noch auf den Beinen. Kurze Zeit später wurde ich sehr schwach und hatte jeden Tag bis zu 40 Grad Fieber. Als Schwerkranker hörte ich, dass Jakow Michailowitsch im Gefängnis sitzt. (Wahrscheinlich war er in Gestapo-Haft Anm. d.Ü.). Er hatte versucht durch ein Fenster in einem höheren Stockwerk zu fliehen. Beim Abseilen stürzte er ab und wurde schwer verletzt. Die Deutschen haben ihn wieder inhaftiert. Danach hörte ich nichts mehr von ihm. Ich war damals dem Tode nah und erinnere mich nicht, von wem ich über seinen Fluchtversuch erfuhr.

Bald darauf wurden wir von den Alliierten befreit und der sowjetischen Mission übergeben. Als ich 1945 nach Hause kam, wurde ich als Invalide des Vaterländischen Krieges eingestuft und bekam eine Rente. Ich war schwerkrank und die Ärzte sagten meiner Frau, ich würde die nächsten 2 Wochen nicht überleben. Dennoch blieb ich am Leben und war 3 Jahre krank. 1948 wurde ein neues Medikament – Streptomycin – zugänglich. Es bewirkte, dass ich schnell gesund wurde. Seit 1948 arbeite ich als Lehrer. Es geht mir gut.

Jakow Michailowitsch war ein wahrer Sohn seines Vaterlandes, ein echter Patriot der Sowjetischen Heimat, tapfer, ein furchtloser Kämpfer mit großer Seele, ein verständnisvoller Kamerad, ein großartiger Mensch, alle mochten ihn. Sein Sohn kann auf seinen Vater stolz sein.
Auch Kameraden, von denen ich positiven Empfehlungen erhielt, wussten nichts über Jakow Michailowitsch. Möglicherweise habe ich mich schuldig gemacht habe, weil ich Ihnen nicht sofort über meine Begegnung mit Jakow Michailowitsch geschrieben habe, aber ich war todkrank und ich konnte niemandem schreiben.

Ich sende Ihnen meine Glückwünsche zum 1. Mai!
Ich verneige mich vor Ihnen und wünsche Ihnen Glück

Nikolai Pimburskij
Moskau“

Selbst Beton hält nicht gegen das Vergessen
– der Krieg gegen Denkmäler

Nachdem 2. Weltkrieg wurden oft Denkmäler von denen errichtet, die Zwangsarbeit, Hunger, Entbehrungen und rassistische Verfolgung überleben hatten. Sie wollen damit an die erinnern, die diese Qualen nicht überlebt hatten und Opfer des Krieges und der Naziherrschaft wurden. Diese Erinnerung war nach dem Krieg nicht gefragt. Die Denkmäler entsprachen nicht den Vorstellungen derer, die Erinnerungsarbeit im Westen Deutschlands gestaltet haben und dabei große Opfergruppen nicht nannten.

Die Denkmäler in Stukenbrock

Im Mai 1945, nach der Befreiung des Stalag VI K in Stukenbrock, stellte die Lagerkommandatur, die aus ehemaligen Gefangenen des Lagers bestand, eigene Untersuchung über die im Lager begangenen Verbrechen an. Nach den Erinnerungen der Gefangenen wurde die Stelle auf dem nahegelegenen katholischen Friedhof gefunden, an der 41 sowjetische Offiziere beerdigt waren, die im Jahr 1941 Widerstand leisten und erschossen wurden. Gleich nach der Befreiung des Lagers wurde von den Gefangenen, ein kleines Denkmal an diesem Ort errichtet. Als das Fundament gelegt wurde, fand man Munitionsreste und Knöpfe mit Sowjetstern. Das Hauptdenkmal auf dem Lagerfriedhof und das kleine Denkmal trugen das gleiche Motiv, ein Helm und ein Gewehr. Das war ein Symbol für die Einheit der beiden Denkmäler. Bis zum Tag ihrer Abreise in die Heimat hielten ehemalige Kriegsgefangene verschiedener Nationen Ehrenwache auch vor dem kleinen Denkmal. Was mit den beiden Denkmälern in Stukenbrock von 1945 bis in die 1960ziger Jahre geschah ist uns nicht bekannt.

Quelle: Broschüre „Stalag 326 Stukenbrock“

1963 wurde der Abriss des großem Obelisk auf dem ehemaligen Lagerfriedhof beschlossen. Man hielt das Denkmal für unangemessen, die Trauer über den Tod so vieler Menschen zum Ausdruck zu bringen. Stattdessen sollte ein Denkmal mit einer „weinenden Mutter“ errichtet werden. Diese Pläne wurden von der sowjetischen Seite abgelehnt. Der Obelisk auf dem Lagerfriedhof blieb erhalten. Das kleine Denkmal auf dem katholischen Friedhof wurde, wie Zeitzeugen berichten, 1963 gesprengt. Egal wie unglaubwürdige eine Sprengung auf einem Friedhof klingt, einer Zerstörung des kleinen Denkmals hat niemand im Kreis Paderborn widersprochen. Grund für seine Beseitigung war, dass auf dem Friedhof Platz geschaffen werden sollte für die Beerdigung von Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, die in der Nachkriegszeit in den Baracken des ehemaligen Lagers lebten. Das Lager diente jedoch nur bis 1958 als Unterkunft für Vertriebene.
Was aber geschah mit den Gebeinen der 41 sowjetischen Offiziere? Es gibt Hinweise auf die Exhumierung von 20 Gebeinen und eine provisorische Umbettung auf einen evangelischen Friedhof in Paderborn. Die Gebeine scheinen jedoch verschollen zu sein. Heute sind 31 Namen bekannt, aber nur 15 Namen sind symbolisch auf den neuen Stelen auf Lagerfriedhof, der auch Russischer Friedhof genannt wird, aufgenommen. Unserer Meinung nach sind archäologische Ausgrabungen und weitere Forschungen in regionalen Archiven nötig, um den Verbleib der Gebeine und ihre angebliche Umbettung aufzuklären.

Quelle: Broschüre „Stalag 326 Stukenbrock“

Der Obelisk auf dem Lagerfriedhof wurde umgebaut. Die Rote Fahne auf der Spitze des Denkmals verschwand und wurde durch ein orthodoxes Kreuz ersetzt. Die Beschwerden von Aktivist*innen haben in Jahren 2000 dazu geführt, dass die damalige, SPD-geführte Landesregierung den ursprünglichen Zustand wieder herstellen wollte. Die Rote Fahne sollte wieder auf der Spitze angebracht werden. Dieser Beschluss wurde nie umgesetzt.

Das Denkmal in Dortmund

Genau wie in Stukenbrock hatten, nach ihrer Befreiung, Kriegsgefangenen in Dortmund ein Denkmal für ihre im Stalag VI D an der Westfalenhalle ums Leben gekommenen Kameraden erbaut. Nach einem Entwurf vom H.J. Krause aus Herne errichteten sie ein 10 Meter hohes Denkmal, das im November 1946 eingeweiht wurde. Die Erbauer wählten für dieses Denkmal einen herausgehobenen Platz am Haupteingang des Hauptfriedhofs. Auch an diesem Denkmal, das Eigentum der Sowjetunion bzw. ihres Rechtsnachfolgers ist, hielten zum Ende 1946 ehemaligen Kriegsgefangenen eine Ehrenwache. Als Anfang der 1960ziger Jahre die Verbreiterung der B 1 geplant wurde, soll eine Firma, die am Hauptfriedhof ansässig ist, Grundstücke, die sich in ihrem Besitz befanden und die für die Verbreiterung gebraucht wurden, beigesteuert haben. Im Gegenzug soll sie Grundstücke am Haupteingang des Hauptfriedhof erhalten haben. Auf einem dieser Grundstücke befand sich zu dieser Zeit das Denkmal zur Erinnerung an die verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter*innen. Im Jahr 1963 wurde das Denkmal von seinem Platz am Eingang des Hauptfriedhofs entfernt und eingelagert. 1965 errichtet man es auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg, der auch als Ausländerfriedhof bekannt ist. Die Presse berichtete damals, dass dies „mit Zustimmung den sowjetischen Seite“ geschah. Unsere Anfrage beim Außenministerium und bei der Botschaft der Russischen Föderation haben jedoch ergeben, dass kein einziges Dokument vorliegt, in dem die Zustimmung erteilt wurde.

Wenn auch der neue Platz des Denkmals auf dem Internationalen Friedhof, bei den Gräbern derer, an die es erinnern soll, nach unserer Auffassung angemessen ist, so stellen sich doch einige Fragen zum Ablauf der Umsetzung. Am ursprünglichen, herausgehobenen Platz des Denkmals befinden sich heute Betriebe, die Grabsteine oder Blumen anbieten, und ein Parkplatz.

Das Denkmal in Hamm

Im April 1944 ereignete sich auf der Zeche Sachsen in Hamm-Heessen ein Grubenunglück mit vielen Todesopfern. Insgesamt verunglückten 169 Bergleute, darunter 68 Deutschen und 101 sowjetische Kriegsgefangene. Viele der Verunglückten blieben unter Tage. Für die sowjetischen Opfer wurde nach der Befreiung 1945 ein Obelisk mit ihren Namen auf dem Zechengelände errichtet. Bis Mitte der 1980ziger Jahre stand dieses Denkmal dort. Danach wurde es entfernt. Wer die Entscheidung traf und warum die Stadt Hamm erst im Nachhinein benachrichtigt wurde, ist uns nicht bekannt. Die Platten mit den Namen wurden abgebaut und der Kern zerstört. Nach Informationen aus der Hammer Stadtarchiv sind die Platten wohl für immer verloren. Unsere Nachforschungen haben jedoch gezeigt, dass noch Originaldokumente über das Grubenunglück vorhanden sind, darunter auch eine Namensliste der sowjetische Opfer.

Quelle: BBA 54/851

Auf dem Dasbecker Friedhof in Hamm Heessen steht ein Gedenkstein, der an das Bergwerksunglück vom 3. April 1944 erinnert. Es trägt die Inschrift „Für unsere Kameraden und die russischen Kriegsgefangenen“. Daneben steht eine Tafel mit den Namen der deutschen Opfer. Die Informationen aus dem Hammer Stadtarchiv würden die Schaffung einer Erinnerungstafel mit den Namen der ausländischen Bergleute auf dem Dasbecker Friedhof erlauben. Die Stadt Hamm hat für ein solches Vorhaben inzwischen Gesprächsbereitschaft signalisiert.

Das Denkmal in Hemer auf dem Friedhof „Dulo“

Das Stalag VI A in Hemer war das drittgrößte Kriegsgefangenenlager in der Region. Die Stadt Hemer hat zwei Friedhöfe, auf denen Kriegsgefangenen, die im Lager umgekommen sind, begraben wurden. Der größte ist der Friedhof am „Dulo“. Auch hier steht, wie in Dortmund und Stukenbrock, ein Denkmal, das nach den gleichen Muster von Kriegsgefangenen nach ihrer Befreiung 1945 erbaut wurde. Das Denkmal befindet sich am höchsten Punkt der Stadt und die Spitze des Denkmals ziert ein Sowjetstern.

In den 1960ziger Jahren sollte dieser Stern vom Denkmal verschwinden. Es könne nicht sein, dass ein Sowjetstern die Stadt dominiert, beklagten einige Stadtobere. Der damalige Bürgermeister teilte jedoch mit, dass für den Umbau des Denkmals 56 000 D-Mark gebraucht würden. Käme die Summe durch die Einwohner zusammen, würde der Stern abgebaut, ansonsten sei die Sache erledigt.

Das Grabmal auf dem Friedhof in Dortmund Husen

Unsere Recherchen haben gezeigt, dass nicht nur größere Denkmäler betroffen sind, sondern auch Grabmale auf Einzel- oder Gruppengräber sind nicht sicher vor Zerstörung. Auf dem Friedhof in Dortmund Husen wurde vor wenigen Jahren ein Grabmal mit einem Sowjetstern, das an 2 sowjetische Kriegsopfer erinnerte, entfernt.

Angeblich war das Grabmal nicht mehr sicher. Nach Protesten wurde unter Beteiligung der russischen Botschaft und mit Zustimmung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge zwei Kreuze mit den Namen der Verstorbenen errichtet.

Das Geschehen seit dem Bau der Denkmäler und Grabstätten in den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg, ihre Pflege und Erhaltung in der Nachkriegszeit bis heute zeigt in vielerlei Hinsicht die Haltung von Politik und Verwaltung gegenüber diesen Baudenkmälern.

Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass an die Menschen, die durch Zwangsarbeit, Hunger, Entbehrungen und rassistische Verfolgung ums Leben gebracht wurden, in ihrem Sinne erinnert wird.

Tag des Erinnerns

Der Tag des „Unbekannten Soldaten“ wird in Russland und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion 3. Dezember gegangen. An diesem Tag erinnert man sich an die Menschen, die für Freiheit und Unabhängigkeit ihrer Heimat gefallen sind, deren Todesumstände aber unbekannt sind.
Dass es sich nicht um ein Gedenken fremder Menschen in einem fernen Land handelt, das uns nichts angeht, wird deutlich, wenn wir den Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund besuchen. Die sowjetischen Kriegsgefangenen, die im Stalag VI D an der Westfalenhalle ums Leben gebracht wurden, begrub man hier namenlos. Den Familien war das Schicksal und die Todesumstände der Verstorbenen für Jahrzehnte nicht bekannt.

I

Inzwischen ist es dem historischen Vereins Ar.kod.M gelungen, etwa 2500 Namen von sowjetischen Bürger*innen zu ermitteln, die auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund begraben sind. Anlässlich des Gedenktags brachte der historische Verein 3 Tafeln dort an. Sie zeigen das Portrait und den Namen von sowjetischen Kriegsgefangenen, die auf diesem Friedhof begraben sind. Der Verein will so 3 Menschen einen Name und ein Gesicht geben, beispielhaft für die Tausenden Toten, die hier liegen und an die weder ein Kreuz noch eine persönliche Inschrift erinnert.

Pawlowskij, Alexej Grigorjewitsch

wurde am 18.10.1909 in Kursk geboren. Sein letzter Wohnort war im Gebiet Woronesch im Dorf Nikolaewka, von Beruf war er Schlosser.
Am 11.06.1942 geriet er im Gebiet Orel in deutsche Kriegsgefangenschaft.
Er wurde im Stalag (Stammlager) VI-K, Stukenbrock-Senne, registiert und erhielt die Erkennungsmarkennummer 111009. Man brachte ihn von dort in das Stalag VI D nach Dortmund, dann nach Hemer in das Stalag VI A und schließlich in das Arbeitskommando 470/2250 Lager Langenruthe, Kalkwerke Letmathe.
Am 10.11.43 flohen er, wurde aufgegriffen und in das Arbeitskommando 754 Dorstfeld, ein Straflager, gebracht. Bei einem erneuten Fluchtversuch am 22.12.1943  wurde er erschossen und am 23.12.1943 auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg auf Feld 3 beerdigt. Er war 34 Jahre alt

Samusew, Grigorij Wasiljewitsch

wurde am 03.02.1922 in Smolensk geboren. Sein letzter Wohnort war im Gebiet Smolenskaja, im Dorf Schewantino, er arbeitete in der Landwirtschaft.
Im Oktober 1941 geriet er bei Kiew in deutsche Kriegsgefangenschaft. Er war verwundet.

Er wurde im Stalag  VI-K, Stukenbrock-Senne, registriert und erhielt der Erkennungsmarkennummer 135357. Man brachte ihn Ende September 1943 in das Stalag VI-A nach Hemer und von dort zur Arbeit in das Arbeitskommando 762, Zeche Ickern (Castrop-Rauxel, Waltrop). Am 5.01.1944 kam er in das Lagerlazarett. Am 26.01.1944 nach Bocholt in das Stalag VI-F, einen Monat später nach Dortmund in das Stalag VI-D an der Westfalenhalle und von dort in das Arbeitskommando 3056 in Dortmund Eving. Am 25.03.1944 starb er und wurde auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund auf Feld 7 begraben. Er war 22 Jahre alt.

Kolbin, Daniil Romanowitsch

wurde 1904 im Gebiet Kirow, im Dorf Tschura geboren. Sein letzter Wohnort war auf der Krim im Gebiet Feodosija, im Dorf Koktebel. Er war verheiratet und hatte 2 Kinder.

Wann er in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet ist nicht bekannt, ebenso sein Weg durch die Lager und die Umstände seines Todes. Gestorben ist er am 13.01.1945. Er wurde auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund auf Feld 8 begraben. Er war 41 Jahre alt.

Ein Hund läuft über eine grüne Wiese – Gedenken in Dortmund

Ein Hund läuft über eine grüne Wiese, neben ihm der stolzer Besitzer des Vierbeiners. Die Wiese ist groß und beide haben viel Spaß. Der Hund hat keinen Verstand und sieht in dem Ganzen ein Spiel auf dem Hundeplatz. Das Spiel kennt er, nur heute fehlt die Absperrung und der Spielplatz ist viel größer. Er bemerkt die Begeisterung von Herrchen und Frauchen, er macht Alles richtig. Normalerweise wäre das ein herrliches Bild, aber das ausgelassene Spiel geschieht auf den Gräberfeldern des Internationalem Friedhof Dortmund.

Die Gräberfelder auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg sind schon lange ein beliebter Platz zum Gassi gehen und eine Spielwiese für Hunde. Nicht nur den Hunden, sondern auch ihren Besitzer*innen ist wahrscheinlich unbekannt, dass unter der große Rasenfläche tausende ausländische Kriegsopfer liegen, die in Dortmund Zwangsarbeit leisten mussten.

Gräberfeld sowjetischer Kriegsopfer auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg mit Hund und Herr

Nichts weist mehr auf die Tragik des Ortes hin, außer einem kleinen Schild am Eingang. Selbst das sowjetischen Mahnmal, das in den 1960ziger hierher umgesetzt wurde und die Hauptallee krönt, gibt keine Auskunft darüber, dass hier tausende Menschen begraben sind. Ein ganz anderes Bild zeigt sich auf dem Hauptfriedhof, wo die deutschen Kriegsopfer bestattet wurden. Tausende personalisierte Kreuze für nicht nur Bombenopfer, sondern auch für Soldaten der Wehrmacht, SS-Leute, Polizisten und Volkssturmleute kann man dort finden.

Gräber deutscher Kriegsopfer auf dem Hauptfriedhof in Dortmund

Wer hat über das Aussehen des Internationalen Friedhofs am Rennweg entschieden?

Während des Zweiten Weltkrieges ist hier eine unbekannte Zahl von Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter*innen, die an durch Hunger, Krankheit und unmenschlichen Arbeitsbedingungen ums Leben gebracht wurden, beerdigt worden. Damals erhielten die Gräber der Zivilarbeiter*innen „weiße Kreuze“ und auf den Gräbern der Kriegsgefangenen waren Blechschilder. In den 1960ziger Jahren hat die Stadt Dortmund den Internationalen Friedhof neugestaltet. Das sowjetische Mahnmal wurde vom Haupteingang des Hauptfriedhof am Gottesacker auf den Internationalen Friedhof umgesetzt und die Gräber der sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter*innen auf dem Internationalen Friedhof wurden vom Friedhofsamt der Stadt Dortmund eingeebnet. Es entstanden Rasenflächen, die leicht zu pflegen sind. Nach unserer Kenntnis wurde für diese Veränderungen die Zustimmung der Sowjetunion, die Eigentümerin des Mahnmals war und deren Staatsangehörige in den eingeebneten Kriegsgräbern begraben sind, nicht bei der sowjetischen Botschaft eingeholt.

Auf dem Internationalen Friedhof gibt es weder einen separaten Zaun noch ein Tor, die die Gräber schützten, wie in auf den Friedhöfen in Stukenbrock oder Hemer, wo ebenfalls tausende sowjetische Kriegsgefangene begraben sind. In der Nachkriegszeit erinnerten sich viele Dortmunder*innen noch an diesen Friedhof.
Heute erhält der Friedhof wenig Beachtung. Es gibt nur noch wenige Zeitzeuge, die sich an ihn erinnern und viele jüngere Dortmunder*innen wissen oft nichts über den Internationalen Friedhof. Sie wissen nicht, dass es sich bei den Rasenflächen um Gräberfelder handelt, die bis an die Zäune reichen. Selbst die Mitarbeiter*innen den Friedhofsverwaltung denken nicht daran, dass auch unter den neu angelegten Wegen Grabstätten sind.

Nur so kann man erklären, dass die Gräber auf dem Internationalen Friedhof zum Hundespielplatz wurde. Sicherlich ist es kein fehlender Respekt der Hundebesitzer*innen, sondern Unkenntnis über die Tragik des Ortes. Die Stadt Dortmund plant seit mehr als 6 Jahren die Umgestaltung der Gräberfelder und die Aufstellung von 58 Stellen mit Namen der hier begrabenen sowjetischen Kriegsopfern. Bis heute aber ist das Projekt nicht umgesetzt. Nur selten, z.B. am Volkstrauertag gibt es ein Gedenken und es werden Kränze oder Blumen dort niedergelegt. Es wundert also nicht, dass Hunde ungestört ihr „Geschäft“ dort verrichten und mit „Herrchen“ oder „Frauchen“ auf den Rasenflächen herumtollen.

Gedenken zum Volkstrauertag auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund

Der Historische Verein Ar.kod.M und der Förderverein Gedenkstätte Steinwache-Internationales Romberg-Park-Komitee erinnerten anlässlich des Volkstrauertages mit einem Gedenken auf dem Internationalen Friedhof an die polnischen, serbischen und sowjetischen Kriegsopfer, die dort begraben sind. Diese Kriegsopfer mussten in Dortmund Zwangsarbeit leisten und kamen hier zu Tode. Tausende sowjetische Kriegsgefangene wurden auf dem Internationalen Friedhof anonym begraben. Ein Banner mit 12 Portraits sollte einigen dieser Menschen ein Gesicht und einen Name geben.

Sowjetische Kriegsopfer auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund

Mit einem Schreiben vom 8.12.1946 beantwortet das Garten- und Friedhofsamt in Dortmund eine Anfrage in der es mitteilt, dass bei einem Bombenangriff am 6. Oktober 1944 die Büros, in denen sich die entsprechenden Unterlagen befanden, zerstört wurden. Darüber hinaus meldet es, für sowjetische Zivilarbeiter*innen lägen Sterbeurkunden vor und die Verstorbenen seien in Einzelgräbern begraben worden. Für die sowjetischen Kriegsgefangenen gibt es an, dass deren Beerdigung Angelegenheit der Wehrmacht gewesen sei und die Verstorbenen in Massengräbern begraben wurden.
Bekannt seien nur 1134 Namen von Zivilarbeiter*innen und 621 Namen von sowjetischen Armeeangehörigen. „Über den Rest von 3230 Toten ist nichts bekannt.“ Das Garten- und Friedhofsamt ist bemüht die gemeldete Zahl von 4985 Begräbnissen zu plausibilisieren in dem es vorrechnet: „Wenn man rund 4 Jahre zu Grunde legt, dann entfallen auf einen Tag durchschnittlich 4 Sterbefälle“. Es gibt aber zu bedenken, „dass durch Bombenabwürfe Lager mit mehr als 150 Russen an einem Tag vernichtet worden sind.“

Kurz nach Ende des Krieges teilten verschiedene Stellen in Dortmund unterschiediliche Opferzahl mit. Im Juli 1945 meldete das Garten- und Friedhofsamt auf Anfrage der Alliierten 5326 russische Staatsangehörige, die in Dortmund begraben sind, 3642 Kriegsgefangene, 1684 Zivilarbeiter*innen.
Im November 1946 heißt es in einem Schreiben der sowjetischen Militärbehörden an die britischen Militärbehörden: „Offiziell sind auf dem Friedhof 17.000 sowjetische Bürger*innen begraben. Auf der Liste der britischen Militärbehörden stehen 4985, davon 4736 Männer, 132 Frauen, 117 Kinder“ . Die Opferzahl 4985 war kurz vorher, im Oktober 1946, aus Dortmund an die britische Militärbehörde gemeldet worden.

Auf den Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund sind auf den Gräberfeldern 2,3,4,6,7,8,9,13,16,18,19 sowjetische Bürger*innen begraben. Auf den Gräberfeldern befinden sich Obelisken mit Opferzahlen. Die Gesamtzahl der Opfer von allen Obelisken beträgt 6738.

Wieviel sowjetische Kriegsopfer sind tatsächlich auf dem Internationalen Friedhof begraben?

Es fällt auf, dass im Sterbebuch für „Russische Kriegsgefangene“ alle mit „Unbekannt“ eingetragenen 3230 sowjetischen Kriegsgefangenen im Stalag VI D an der Westfalenhalle zu Tode kamen. Während die 621 namentlich in dieses Sterbebuch eingetragenen Verstorbenen in Arbeitskommandos umkamen, die ebenso wie das Stammlager VI D an der Westfalenhalle der Wehrmacht unterstanden. Offenbar nicht eingetragen wurden Opfer von Bombenabwürfen auf Lager, von denen das Garten- und Friedhofsamt vermutet, dass „mehr als 150 Russen an einem Tag vernichtet worden sind“.

Ein solcher Luftangriff ereignete sich am 4. und 5. Mai 1943 in der Umgebung des Stalag VI D an der Westfalenhalle. 35 Zivilarbeiter*innen sowie 28 französische und 240 sowjetische Kriegsgefangene kamen ums Leben. Die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden zunächst als Opfer des Bombenangriffs gemeldet. Die Zahl der getöteten Kriegsgefangenen korrigierte man aber später, indem man die 240 „russischen“ Kriegsgefangenen durchstrich und stattdessen die Zahl 28 eintrug. Ein Dokument der Wehrmacht, das in der Datenbank OBD-Memorial eingesehen werden kann, zeigt 195 namentlich genannte sowjetische Kriegsgefangenen, die bei dem Bombenangriff 5. Mai 1943 getötet und deren Überreste auf dem Internationalen Friedhof auf Feld 4 in einem Massengrab begraben wurden. Das Sterbebuch für „Russische Kriegsgefangene“ verzeichnet für Dienstag, den 4. Mai und Mittwoch, den 5. Mai 1943 keinen einzigen Sterbefall. Die Unterlagen über die Bombenopfer wurden zwar an die Wehrmachtsauskunftstelle (WASt) nach Berlin gesandt, aber offenbar ist der Lagerbericht des Stalag VI D an der Westfalenhalle für die städtischen Behörde verloren gegangen. Nach Auswertung einer großen Anzahl von Personalkarten I konnten von uns 48 Opfer gefunden werden, die in den folgenden 10 Tagen nach dem Luftangriff auf dem Internationalen Friedhof begraben wurden.

Weiter haben unsere Recherchen ergeben, dass auf vielen Personalkarten I der Kriegsgefangenen und auf den Sterbeurkunden der Zivilarbeiter*innen Grabnummern eingetragen wurden. Ein Feld auf dem Internationalen Friedhof hat z.B. Grabnummern von 1 bis 300. Ab Nummer 200 wurden die Gräber sogar doppelt belegt. Das könnte bedeuten, dass dort bis zu 400 Bestattungen vorgenommen wurden. In den Namenslisten konnten für dieses Feld bis heute nur 188 Namen gefunden werden. Das heißt, dass die Listen immer noch lückenhaft sind und die Zahl der sowjetischen Kriegsopfer, die auf dem Internationalen Friedhof begraben, möglicherweise doppelt so hoch ist.


So stellt sich die Frage nach der tatsächlichen Höhe der Opferzahl. Klarheit könnte eine gründliche wissenschaftliche Auswertung von Dokumenten in verschiedenen Archiven und eine archäologische Bodenuntersuchung auf dem Internationalen Friedhof bringen.


Bestandsaufnahme auf Dortmunder Friedhöfen

In der Zeit von 1945 bis 1951 forderte die Britische Kommission Informationen über Kriegsopfer aller Nationalitäten, so auch in Dortmund. Die Namenslisten wurden mit Hilfe deutscher Beamten angefertigt. Fraglich ist jedoch, ob diese Listen tatsächlich vollständig waren.

Die Stadt Dortmund spricht heute von 5095 sowjetischen Kriegsopfern, die auf Dortmunder Friedhöfen begraben sind.


Sowjetische Kriegsopfer auf dem Ausländerfriedhof (Internationale Friedhof am Rennweg)

Das Garten und Friedhofsamt meldete im Juli 1945 auf Anfrage der Alliierten 5326 russische Staatsangehörige, die in Dortmund begraben sind, 3642 Kriegsgefangene, 1684 Zivilarbeiter*innen

Anlässlich der Eröffnung des Denkmals am Hauptfriedhof, im November 1946, sandten die sowjetischen Militärbehörden eine Anfrage an die britischen Militärbehörden zur Genehmigung der Teilnahme von sowjetischen Journalisten und eines Kamerateam an der Eröffnungsfeier. In dem Schreiben heißt es:
„Offiziell sind auf dem Friedhof 17.000 sowjetische Bürger und Bürgerinnen begraben. Auf der Liste britischen Militärbehörden stehen 4985, davon 4736 Männer, 132 Frauen, 117 Kinder“

Im Jahr 1948 meldete das Garten und Friedhofamt Dortmund dem Regierungspräsidenten in Arnsberg folgende Zahlen:  

621 Kriegsgefangene
1134 Zivilarbeiter*innen
3230 Kriegsgefangene ohne Namen
39 Zivilarbeiter*innen ohne Namen
= 5024 Kriegsopfer
Diese Angaben wurden vom Regierungspräsidenten akzeptiert

Auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg sind auf 11 Gräberfeldern sowjetische Bürger*innen begraben. Auf den Gräberfeldern befinden sich Obelisken mit der jeweiligen Opferzahl. Die Gesamtzahl der Opfer von allen Obelisken beträgt 6738.

Sowjetische Kriegsopfer auf Dortmunder Friedhöfen

Der Internationale Friedhof am Rennweg war aber nicht der einzige Bestattungsort für sowjetische Kriegsopfer. Im Juli 1948 meldete das Garten- und Friedhofsamt Dortmund dem Regierungspräsidenten in Arnsberg neben dem Internationalen Friedhof am Rennweg 16 weitere Friedhöfe in Dortmund mit 78 Gräbern sowjetischer Kriegsopfer.
Bereits 1946 wurden bei der Erfassung der Friedhöfe Skizzen mit der Lage der Gräber von sowjetischen Bürger*innen angefertigt. In der folgenden Zusammenstellung tragen diese Friedhöfe den Vermerk „Skizze“

Inzwischen lassen sich auf insgesamt 28 Friedhöfen in Dortmund Gräber von sowjetischen Kriegsgefangenen und  Zivilarbeiter*innen und deren Kinder nachweisen. Die Gräber auf den meisten Friedhöfen, für die keine Skizzen existieren, sind bei den Meldungen in der Nachkriegszeit nicht in die Gesamtzahl der Kriegsopfer eingegangen.

1. Aplerbeck (keine Skizze)
mindestens 2 Gräber gem. Meldung an die Britische Kommission, die Gräber sind nicht mehr vorhanden

2. Barop (An der Palmweide 104) (keine Skizze)
1 Grab nicht mehr auffindbar

3. Bittermark (keine Skizze)
Meldung an die Britischen Kommission „86 vermutlich Sowjets und 6 Unbekannte“

4. Bodelschwingh (Wachteloh 5) (keine Skizze)
29 Unbekannte, die Gräber sind nicht mehr auffindbar

5. Brambauer (Friedhofstr. 64) (keine Skizze)
Grabkissen 20 mit Namen und 1 Unbekannte/r

6. Brechten (Luerwaldstr 7), (keine Skizze)
2 Gräber nicht mehr auffindbar

7. Derne (Nierstefelderstr. 113) (Skizze)
1974 „11 Unbekannte“, 2014 2 Stelen mit insgesamt 21 Namen

Gräberfeld sowjetischer Kriegsopfer auf dem Friedhof in Derne

8. Eving (Osterfelderstr 120) (keine Skizze)
7 Unbekannte, ein Dokument der Britischen Kommission nennt 7 unbekannte Russen, die Namen konnten inzwischen ermittelt werden

9. Holzen (keine Skizze)
Denkmal für 39 sowjetische Bürger*innen, das Denkmal trägt keine Namen, die Namen von 36 sowjetischen Kriegsopfern sind bekannt

10. Holzwickede (keine Skizze)
1 Grab, das Grab ist nicht mehr auffindbar

11. Hombruch (Am Hombruchsfeld 15) (Skizze)
Kreuze für einen unbekannter sowjetischer Bürger und für einen Verstorbenen unbekannter Nationalität, mehrere Grabkreuze für Ostarbeiter*innen

12. Hörde (Am Oelpfad 50) (keine Skizze)
7 Namen auf 6 Kreuzen, 14 Gräber von verstorbenen sowjetische Bürger*innen aus dem St. Josefs Krankenhaus in Hörde sind nicht mehr auffindbar, möglicherweise umgebettet zur Bittermark

13. Hörde (Am Oelpfad 39) (Skizze)
3 Kreuze für Unbekannte

Gräber auf Friedhof am Oelpfad 39 in Hörde

14. Huckarde (Urbanusstr. 4) (keine Skizze)
2 Kreuze für Unbekannte (Kreuze symbolisch) Gräber sind nicht mehr vorhanden

15. Husen (Kühlkamp 25) (Skizze)
2 Namen, Mahnmal mit 2 Namen wurde 2014 beseitigt und stattdessen wurden 2 neue Kreuze aufgestellt.

Das Grabmal für 2 sowjetische Kriegsopfer auf dem Friedhof in Husen wurde 2014 beseitigt und durch 2 Kreuze ersetzt



16. Kirchlinde (Bockenfekderstr. 7) (keine Skizze)
Meldung an die Britische Kommission 9 unbekannte sowjetische Bürger*innen auf dem Friedhof, 2 Kreuze

17. Kley (Kleybredde 59) (Skizze)
4 Grabkissen mit Namen,

18. Kurl (Kurlerstr. 171) (Skizze)
Historischer Grabstein, 1 sowjetischer Bürgerin
und 1 unbekannter Russe
Durch die Stadt Dortmund nicht als Grabstätte anerkannt

Historischer Grabstein auf dem Friedhof in Kurl

19. Lüdgendortmund (Keplerstr. 20) (Skizze)
Ursprünglich 1 Name und 1 Unbekannte/r, jetzt 3 neue Kreuze mit Namen

20. Lütgendortmund (Provinzialstr. 126) (keine Skizze)
1 Kreuz für eine/n Unbekannte/r

21. Lichtendorf (Ostbergerstr. 16) (keine Skizze)
2 Unbekannte

22. Marten (Martener Hellweg 68) (Skizze)
8 Grabkissen mit Namen und 7 Unbekannte

23. Mengede (Mengeder Schulstr. 1) (Skizze)
5 Grabkissen mit Namen und 2 Unbekannte

24. Scharnhorst (Rybnikstr. 17) (Skizze)
Auf dem ursprünglichen Grab befindet sich heute ein Komposthaufen, Dokumente für eine Umbettung existieren nicht, ein Kreuz mit Namen befindet sich auf dem Gräberfeld für Kriegsopfer sowie ein weiteres Kreuz für 1 eine/n unbekannte/n Ausländer/in

Gräberfeld auf dem Friedhof in Scharnhorst

25. Sölde (Sölderstr 19) (Skizze)
1 Grab mit Kreuz und Namen

26. Syburg (Höhesyburgstr. 93) (keine Skizze)
7 Grabkissen für Unbekannte

27. Westerfilde (Im Odemsloh 165) (keine Skizze)
17 Grabkissen, davon 9 mit Namen und 6 Unbekannte sowie 2 Einzelgräber mit Namen

28. Hauptfriedhof (Rennweg 117a) (Skizze)
4985 offiziell (621+1230= 1851 mit Namen, 3230 Unbekannte)
17 000 aus Akten 1945, heute sind 4473 Namen bekannt, Opferzahl von allen Obelisken beträgt 6738

Wie viele sowjetische Bürger*innen in Dortmund auf dem Ausländerfriedhof oder auf anderen Dortmunder Friedhöfen tatsächlich begraben sind, ist unbekannt, deshalb sollte die Stadt ein Forschungsprojekt ins Leben rufen, das die Zahl der sowjetischen Opfer in Dortmund und die Dokumentenlage in den Archiven untersucht.

Gedenkstunde des Arbeitskreises Blumen für Stukenbrock

Am ersten Samstag im September findet in Stukenbrock auf dem Friedhof des ehemaligen Stalag VI K die alljährliche Gedenkstunde des Arbeitskreises Blumen für Stuckenbrock statt.

Das Stalag (Mannschaftsstammlager) VI K in der Senne wurde im Frühjahr 1941 errichtet. Ab dem Sommer 1941 wurden sowjetische Kriegsgefangene hier hergebracht. Damals bestand das Lager nur aus einer Stacheldrahtumzäunung. Tausende Kriegsgefangene kamen in den ersten Monaten um, weil es an Allem fehlte. Sie hatten keine Behausung, kein Baumaterial für Unterkünfte, kein Essen und keine medizinische Versorgung. Sie waren Repressionen ausgesetzt bis hin zu willkürlichen Erschießungen. Als der Bedarf an Arbeitskräfte im Deutschen Reich stieg, wurden die Kriegsgefangenen hier gesammelt, registriert und zum Arbeitseinsatz ins Ruhrgebiet und in den Westen Deutschlands auf die Zechen, in die Stahlwerke und in die Rüstungsindustrie gebraucht.


Der Arbeitskreis führt diese Gedenkstunde bereits seit 1967 durch und erinnert an die Leiden und das Sterben tausender Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion. In den Anfangsjahren erlebte dieses Gedenken viele Anfeindungen.
In diesem Jahr sprach Eugen Drewermann zu 50 Menschen, die trotz Corona-Beschränkungen gekommen war. Bereits in früheren Beiträgen hatte er über das Verbrechen der Wehrmacht an Millionen Rotarmisten, die in deutscher Kriegsgefangenschaft an Hunger und fehlender Versorgung zugrunde gingen, gesprochen. In seiner beeindruckenden Ansprache während der Gedenkstunde kritisierte er die aktuelle Politik der Bundesregierung, die nichts für eine friedliche Politik mit Russland tut. Er erinnerte, an die lange gemeinsame Geschichte und die reiche Kultur, die Deutsche und Russen verbindet, und forderte eine Politik des Friedens mit Russland.

Mahnmal zur Zwangsarbeit am Phönix-See eröffnet – weitere Erinnerungsort müssen folgen

Seit neuestem erinnert in Dortmund ein Mahnmal an die Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs hierher verschleppt wurden und Zwangsarbeit leisten mussten.

Mahnmal zur Erinnerung an die Zwangsarbeit in Dortmund

Millionen Menschen wurden zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verschleppt

Während des Zweiten Weltkriegs wurden mehr als 13 Millionen Menschen aus ganz Europa ins Deutsche Reich verschleppt, um Zwangsarbeit zu verrichten. Darunter waren insgesamt 4 Millionen Kriegsgefangene aus ganz Europa und 5 Millionen Zivilarbeiter*innen aus der Polen, der Sowjetunion und anderen Staaten Osteuropas. Es waren sehr oft junge Frauen, Jugendliche, Mädchen und Jungen. Viele Kriegsgefangene und Zivilarbeiter*innen kamen ins Rheinland und nach Westfalen zum Arbeitseinsatz. Die Forderung nach Arbeitskräften für die Stahlwerke, die Zechen und die Rüstungsindustrie des Ruhrgebiets war enorm, denn durch die zunehmende Einberufung von Männern zur Wehrmacht herrschte Arbeitskräftemangel. Nicht nur große Betriebe, sondern auch private Haushalte, landwirtschaftliche Betriebe und Handwerksbetriebe konnten Arbeitskräfte aus zentralen Lagern bei den zuständigen Arbeitsämtern beantragen. Die Arbeitsbedingungen waren für die Menschen, die zu dieser Zwangsarbeit verschleppt wurden, sehr oft hart und die Versorgung mit allem Lebensnotwendigen mangelhaft, zudem waren Demütigungen und Bestrafungen an der Tagesordnung. Zivilarbeiter*innen, die Widerstand leisteten und sich den unerträglichen Arbeitsbedingungen widersetzten, wurden in Arbeitserziehungslagern inhaftiert.

Zwangsarbeit in Dortmund

In Dortmund mussten fast 80.000 Männer und Frauen Zwangsarbeit verrichten. Sie schufteten in mehr als 300 Arbeitskommandos und waren meistens in umzäunten Lagern, die sich auf dem Werksgelände der Zeche, des Stahlwerks oder des Rüstungsbetriebs befanden, untergebracht. Auf den Dortmunder Zechen bestand die Belegschaft zu fast
40 % aus Menschen, die Zwangsarbeit leisten mussten. Der Dortmund Hörder Hüttenverein (DHHV) gab 1945 gegenüber den Alliierten an, dass ihm 13.000 Arbeitskarten von Zivilarbeiter*innen vorliegen. Wie viele Menschen tatsächlich dort Zwangsarbeit verrichten mussten ist bisher unbekannt. Berücksichtigt man die Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge, dürften es deutlich mehr als die genannten 13.000 gewesen sein.

Auch in Dortmund wurden Zivilarbeiter*innen, die Widerstand leisteten und sich den unerträglichen Arbeitsbedingungen widersetzten, in Arbeitserziehungslagern die „KZ der Gestapo“, inhaftiert. Lagerleiter und Wachmannschaften stellte in der Regel die Gestapo. Gegen Kriegsende gab es ca. 200 Arbeitserziehungslager im Deutschen Reich. Die Arbeitserziehungslager dienten zunächst dazu deutsche Arbeiter*innen zu disziplinieren, später wurden dort hauptsächlich osteuropäische Zivilarbeiter*innen, die sich der Dienstverpflichtung widersetzt hatten, inhaftiert. Insgesamt waren zwischen 1939 und 1945 ca. eine halbe Million Menschen in Arbeitserziehungslagern inhaftiert.

Auf dem Werksgelände am ehemaligen Emschertor/Hermannstraße befand sich während des Zweiten Weltkrieges auf Wunsch der Konzernleitung auch ein solches Lager der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). inhaftiert. Im März 1945 waren in diesem Lager unterschiedlicher Gruppen von Gestapo-Häftlingen inhaftiert, von denen viele von hier aus in den Rombergpark und Bittermark gebracht und dort kurz vor Kriegsende ermordet wurden.

Der lange Weg zur Erinnerung an die Zwangsarbeit in Dortmund

Trotz der großen Zahl von Menschen, die während des Kriegs zur Zwangsarbeit nach Dortmund verschleppt wurden, erinnerte auch viele Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nur sehr wenig an deren tragisches Schicksal. 2002 beantragte die VVN-BdA deshalb am ehemaligen Emschertor/Hermannstraße eine Gedenktafel anzubringen, um an das Lager und seine Insassen, aber auch an die Zivilarbeiter*innen und Kriegsgefangenen, die in ganz Dortmund Zwangsarbeit verrichten mussten, zu erinnern. Die VVN-BdA beklagte, dass diesem großen öffentlichen Verbrechen der Nationalsozialisten in Dortmund nicht in adäquater Weise gedacht werde. „Für die Stadt Dortmund, die derartig intensiv darin verwickelt ist, die aber zugleich der Verbrechen der Nationalsozialisten vielfältig gedenkt, ist es von besonderer Bedeutung, auch diesem Verbrechen im öffentlichen Raum würdig zu gedenken“.

Studierende des Fachbereichs Architektur an der Fachhochschule Dortmund lieferten 2014 Entwürfe für ein Mahnmal. Ausgewählt wurde eine 4 Meter hohe, begehbare, quaderförmige Skulptur aus Stahlblech, ein Entwurf von Pia Emde. Doch bis zur Umsetzung des Projekts sollte es noch Jahre dauern. Viel wurde über den Standort des Mahnmals diskutiert, bis schließlich der Rat der Stadt im Frühjahr 2019 den Beschluss fasste das Mahnmal auf der Kulturinsel im Phönix-See zu erreichten. Bei der Einweihung am 10. August 2020 war viel Prominenz aus der Stadtgesellschaft gekommen. Mit dem Denkmal will die Stadtgesellschaft, nach den Worten des Oberbürgermeisters, ein Zeichen gegen Rassismus, Chauvinismus und rechtes Gedankengut setzen. Ein Transparent am Eingang der Veranstaltung zeigte die Namen der nach Riga verschleppten jüdischen Mitbürger*innnen aus Dortmund. Es ist richtig, dass an diesen Opfern erinnert wird und ihnen mit dem Transparent die Namen zurückgegeben werden. Erfreulich ist auch, dass mit dem Mahnmal am Phoenix-See ein Erinnerungsort für die vielen Zivilarbeiter*innen und Kriegsgefangenen, die nach Dortmund zur Zwangsarbeit verschleppt wurden, geschaffen wurde.

Weitere Erinnerungsorte in Dortmund schaffen

Diese Menschen haben während des 2. Weltkriegs mit den Dortmunder*innen gearbeitet. Das rassistische Programm der Nazis gab die Rechtfertigung für ihre rigorose Ausbeutung und Verfolgung. Viele sind an den unmenschlichen Lebensarbeits- und Arbeitsbedingungen gestorben oder ermordet worden, weil sie sich diesen Bedingungen widersetzt haben. Angesichts der großen Zahl von Zivilarbeiter*innen und Kriegsgefangenen aus ganz Europa konnte ihr Schicksal den Dortmunder*innen nicht verborgen bleiben.

Bis heute gibt es in Dortmund zahlreiche Orte, die für das Leben und Leiden der Zivilarbeiter*innen und Kriegsgefangenen stehen, die aber nicht im Bewußtsein der Stadtgesellschaft und den Dortmunder Bürger*innen sind. Es besteht also weiterhin Handlungsbedarf; deshalb wäre es an der Zeit, denen die aufgrund der unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen im Lager an der Westfalenhalle umgekommen sind und auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg anonym begraben wurden, ebenfalls ihre Namen zurückzugeben. Seit langem ist ein Projekt dazu geplant, es muss nun endlich umgesetzt werden.

Unsere Suchaktion wird fortgesetzt

Zum diesjährigen Gedenken an Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion, am 22 Juni 1941, kamen mehrere Organisationen in Siegburg auf dem Südfriedhof zusammen. Für diese Veranstaltung wird dort jedes Jahr etwas Besonderes geplant, so auch in diesem.

Die Stadt Siegburg hat, wie viele andere Städte auch, mehrere Grabstätten sowjetischer Bürger. Auf dem Südfriedhof gibt es einige Felder mit „russischen“ Gräbern. Wir wurden von einer Partnerorganisation eingeladen gemeinsam den Nachlass eines Siegburgers für weitere Recherchen zu übernehmen. Die Witwe und die Tochter des Verstorbenen, die selbst keine Recherchen anstellen wollten, haben das Archiv im Rahmen der Veranstaltung an Interessierte übergeben.

„Wie so oft, wurde das Gräberfeld von einem unserer Landsleute zufällig entdeckt. Zahlreiche alte Grabsteine befanden sich auf dem Friedhof, die einen verwahrlosten Eindruck machten“, so berichtete die Ehefrau. Aber dieser Zustand und die verwitterte Schrift auf den Grabsteinen war auch hier der Grund für Nachforschungen. Mehrere Jahre hat sich der Familienvater mit der Instandsetzung der Grabsteine und der Suche nach den Namen der Verstorbenen beschäftigt. Selbst als er schon im Rollstuhl saß, hat er die Inschriften auf den Grabsteinen ausgebessert. In Archiven fand er viele Dokumente und er machte einige Familienangehörige der Verstorbenen ausfindig. Trotz vieler Erfolge ist es ihm nicht gelungen alle Informationen zusammenzutragen und die Grabstätte bei der Stadt Siegburg und bei der Botschaft der Russischen Föderation registrieren zu lassen.

Und doch ergab sich ein Gegensatz zwischen dem Charakter der Veranstaltung auf dem Südfriedhof und ihrem traurigen Anlass, dem Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Dieser Vernichtungskrieg kostete 27 Millionen sowjetische Bürgerinnen und Bürger das Leben. Mehr als 100 von ihnen liegen in Siegburg auf dem Südfriedhof.

Unter Tränen und mit großer Ergriffenheit übergab die Ehefrau alle Papiere an die eingeladenen Organisationen. Wir versprachen weitere Suchaktionen.

Bei Durchsicht der Dokumente stellten wir fest, dass sich darunter auch einige „weiße Listen“ mit mehreren Anmerkungen aus dem Archiv der Stadt Siegburg befanden. Die „weiße Liste“ ist ein Registrierungspapier für Grabstätten von Kriegsopfern, das in der Nachkriegszeit vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge erstellt wurde.
Die Bearbeitung der Unterlagen zeigte Unerfahrenheit im Umgang mit Dokumenten. Die Liste enthielt für jeden Namen eine sehr wichtige Information, der bisher nicht nachgegangen wurde. Hinter fast allen Namen war eine Erkennungsmarken-Nummer vermerkt. Bei ihrer Registrierung in den Lagern erhielten die Kriegsgefangenen eine Erkennungsmarke mit einer Nummer. Diese Nummer ersetzte für immer alle persönlichen Daten, wie z.B. den Namen. Die Erkennungsmarke musste immer am Körper getragen werden. Über eine solche Nummer kann man in der Datenbank bei OBD-Memorial unmittelbar auf die persönlichen Daten des Verstorbenen zu greifen. Eine weitere wichtige Information fehlte – der Vatername. So haben wir weitere Recherchen angestellt.

Zwar konnte keine vollständige Namensliste mit Korrektur der Namen erstellt werden, aber es war möglich zehn „Unbekannten“ Name zu geben. Jetzt können 110 Kriegsopfer des Zweiten Weltkriegs und 12 Opfer des Ersten Weltkriegs ordentlich registriert werden. Vielleicht wird in Zukunft eine neue Stele mit den vollständigen Namen einen Platz auf diesem Friedhof findet. Dazu wäre aber der politische Wille der russischen und deutschen Seiten erforderlich.

Sehr symbolisch ist, dass sich das Grab des Urhebers der Suche in der Nähe dieses Feld befindet.