Wir können so nicht wegfahren

Am 2. Mai 1945, genau einen Monat nach der Befreiung des Stalag 326 (VI K) Senne, weihten die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen auf dem Friedhof, der ganz in Nähe des Lagers war, einen Obelisken ein. Dieser Obelisk trägt in russischer, englischer und deutscher Sprache die Inschrift:


HIER RUHEN DIE IN DER FASCHISTISCHEN GEFANGENSCHAFT ZU TODE GEQUÄLTEN 65000 RUSSISCHEN SOLDATEN – RUHET IN FRIEDEN KAMERADEN! 1941-1945

Am Ostermontag, dem 2. April 1945, übergab die Wehrmacht das Stalag 326 (VI K) in der Senne kampflos an US-amerikanischen Truppen. Bereits seit Ende März war die Lagerleitung  handlungsunfähig. Der sowjetische Arzt Wladimir Semjonowitsch Siltschenko, der sich als Kriegsgefangener im Stalag befand, erinnerte sich: „31. März. Das Lager befand sich faktisch in den Händen der Kriegsgefangenen. … Die Deutschen zeigten sich nicht mehr im Lager und die Mitarbeiter des sowjetischen Stabes bewegten sich frei auf dem Lagerterritorium. In jeder Baracke führten sie Gespräche über die entstandene Situation, über die bevorstehende Befreiung und die Notwendigkeit, zu Kämpfen bereit zu sein.“ (Quelle: Das Stammlager 326 (VI K) Senne 1941-1945, Sowjetische Kriegsgefangene als Opfer des Nationalsozialistischen Weltanschauungskrieges, K. Hüser, R.Otto, Verlag Regionalgeschichte, Bielefeld 1992, Seite 172)


Fast 5 Jahre war das Stalag 326 (VI K) in der Senne ein Ort des Leidens und Sterbens für tausende Kriegsgefangene. Im Mai 1941 begann die Wehrmacht dieses Lager in der Senne zu errichten. Für wen es gebaut wurde, zeigte sich nach dem Überfall auf die Sowjetunion. Anfang Juli kamen die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen hier an. Auf dem Lagergelände befanden sich zu dieser Zeit  weder Unterkünfte noch sanitäre Anlagen für die Gefangenen. Mit minimalen Lebensmittelrationen waren sie sich selbst überlassen. Viele starben an Vernachlässigung, Hunger, Krankheiten und fehlender medizinischer Versorgung. Die Baracken und Einrichtungen des Lagers wurden erst später von den Gefangenen errichtet. Ab November 1942 erhielt das Stalag 326 (VI K) auf Drängen der Reichsvereinigung Kohle u.a. die Funktion eines zentralen Aufnahmelagers für sowjetische Kriegsgefangene, die im Ruhrbergbau eingesetzt werden sollten. War ein Kriegsgefangener für den Bergbau einsatzfähig, wurde er nach der Registrierung, Entlausung und ärztlichen Untersuchung in das Stalag VI A nach Hemer versandt und von dort auf die Zechen im Ruhrgebiet verteilt.  Mehr als 300.000 sowjetische Kriegsgefangene durchliefen das Stalag 326 (VI K).
In einem in der Zeitung „Roter Stern“ 1958 veröffentlichten Artikel erinnert sich Generalsmajor Viktor Fedorowitsch Choperskij, der im April 1945 als sowjetischer Kriegsgefangener im Stalag 326 war. “Im April 1945 öffneten sich die Tore des Lagers Freiheit, Freiheit, Russen, Polen, Jugoslawen Franzosen umarmten sich, küssten sich, weinten… Aber nicht allen gelang es, den Tag der “zweiten Geburt“ zu erleben… Dem Blick öffnete sich ein weites Feld mit den Hügeln der unbekannten Gräber. Hier ruht die Bevölkerung einer ganzen Stadt.…“ Es entstand der Wunsch, an die tausenden im Lager umgekommen zu erinnern. „Wir können nicht so wegfahren beschlossen die ehemaligen Gefangenen. Wir errichten den Kameraden ein Denkmal. Möge es ewig daran erinnern, was Faschismus ist. Tage und Nächte arbeitete der Soldat und Künstler Alexander Mordan, er schuf eine Skizze nach der anderen auf der Suche nach einer steinernen Verkörperung der Gefühle der tiefen Trauer und des Glaubens an die Zukunft. Ihnen half Kapitän Smirnov, ein Leningrader Ingenieur für Wärmetechnik, der die Arbeitszeichnungen machte.

Die drei Architekten vor ihrem Denkmal. Von links: Smirnow, Choperskij, Mordan
Quelle: Stalag 326 Stukenbrock, Broschüre, Hrsg: Arbeitskreis Blumen für Stukenbrock e.V., 4. Auflage

Sie beschlossen, ein fast 10 m hohes Denkmal zu errichten. Zum Ausheben der Grube kamen zuerst 12 Freiwillige und nach einigen Tagen arbeiteten schon etwa 200 Menschen. Der Wärmetechniker N.P. Smirnov wurde technischer Bauleiter.
Die Ausschachter und Verputzer, die das Denkmal mit Marmor verkleideten, Betonierer, Schlosser und Steinmetze arbeiteten so schnell, dass es schien, als ob auf dem Platz unaufhörlich ein menschliches Fließband arbeitete. Alle 10 Minuten wechselten die Schichten – eine größere Anstrengung hielt der Organismus nicht aus. An ihre Stelle traten andere. Und so vom frühen  Morgen bis zum späten Abend. In Rekordzeit formte die Schlosserbrigade von Pavel Blozkij aus Schienen der ehemaligen Lagerschmalsparbahn ein metallenes Skelett für das Denkmal. Zum ersten Mal in seiner Praxis begann Ingenieur Viktor Choperskij, der Leiter des Baues wurde, die Arbeit ohne mechanische Hilfsmittel. Ständig war er im Einsatz. Gemeinsam mit einigen Kameraden fuhr er in einem alten Geländewagen „villis“ durch die ausgebombten Städte und suchte nach Marmor, Granit, bunten Kacheln und Fliesen. Er war sowohl ein diplomatischer Leiter wie ein technischer Leiter und sogar Spediteur. Der Bau erhielt störungsfrei alles Notwendige. Und dann war das Denkmal fertig. Tag und Nacht stand eine Ehrenwache….Die ehemaligen Gefangenen richteten den ganzen Friedhof her. Sie machten eine monumentale Umzäunung, einen Platz für die Trauerzeremonien, stellten marmorne Tafeln auf die Gräber..“ Quelle: Stalag 326 Stukenbrock, Hrsg. Arbeitskreis Blumen  für Stukenbrock e.V., 4. Auflage

Einweihung des Obelisken am 2. Mai 1945
Quelle: https://blumen-fuer-stukenbrock.eu/friedhof.php

Der Arzt Wladimir Semjonowitsch Siltschenko erinnert sich: „Am 2. Mai wurde das Denkmal nach einer Trauerfeier enthüllt. Den Blicken der Anwesenden bot sich ein 9,5 Meter hoher heller Obelisk, verkleidet mit Marmor, Granit und Keramikplatten. Das Denkmal schmückte eine rote Fahne aus Kunststoff (mit Hammer und Sichel). Bei der Enthüllung des Denkmals waren zugegen: 9000 befreite Häftlinge des Lagers 326; viele Sowjetbürger aus den umliegenden Lagern; polnische und jugoslawische Soldaten, die sich im benachbarten Lager befanden; amerikanische Soldaten und deutsche Einwohner von Stukenbrock.“ Quelle: Das Lager 326, Augenzeugenberichte, Fotos, Dokumente, Hrsg. Arbeitskreis Blumen  für Stukenbrock e.V., Porta Westfalica 1988, Seite 51.


In der Nachkriegszeit wurde die Rote Fahne vom Obelisken entfernt und durch ein orthodoxes Kreuz ersetzt. Alle Bemühungen, das ursprüngliche Aussehen des Obelisken wiederherzustellen, blieben bis heute erfolglos.

Und ein weiteres Denkmal wurde auf dem benachbarten Gemeindefriedhof errichtet. Im Jahr 1941 erschoss die Wehrmacht, der das Stalag 326 (VI K) Senne unterstand und die es bewachte, 42 sowjetische Offiziere wegen Arbeitsverweigerung. Sie wurden auf dem nahen Friedhof der St.-Achatius Gemeinde begraben. Nach der Befreiung errichteten ehemaligen Gefangenen des Stalags dort ein Denkmal für die Ermordeten. Es trug in russischer, deutscher und englischer Sprache die Inschrift.

„Hier ruhen russische Soldaten – die ersten Opfer der faschistischen Gefangenschaft 1941 – 1945“

Das kleine Denkmal auf dem Gemeindefriedhof
Quelle: Stalag 326 Stukenbrock, Broschüre, Hrsg: Arbeitskreis Blumen für Stukenbrock e.V., 4. Auflage

Das Denkmal wurde, mit Genehmigung des damaligen nordrhein-westfälischen Innenministers, in der Nachkriegszeit gesprengt. Der Verbleib der sterblichen Überresten der 42 ermordeten Offiziere ließ sich bis heute nicht klären und ist ungewiss. Die sterblichen Überreste einiger Ermordeten sollen umgebettet worden sein und erlebten eine wahre Odyssee. Zunächst sollen 21 Gebeine nach Bielefeld gebracht worden sein von dort zum Friedhof des Lagers nach Stukenbrock, wo sie beigesetzt worden sein sollen. Heute steht auf dem Platz des kleinen Denkmals ein Mahnmal für die Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten.

Gestorben, eingeäschert … verschwunden

Als in Dortmund die Zahl der Einwohner Mitte der 1930ziger Jahre auf fast 550.000 Einwohner angewachsen war, wurde das Krematorium umgebaut und auf Gas umgestellt. Bis dahin brauchte man zur Einäscherung einer Leiche 41 Kilogramm Kohle, doch in Kriegszeit wurde dieser Brennstoff für anderer Zwecke gebraucht. Von 1939 bis Oktober 1944 hatte Dortmund das modernste Krematorium in Deutschland. Als im Oktober 1944 die Gasleitung beschädigt wurde, setzte man die Einäscherungen aus.

Krematorium Dortmund

In den Papieren des Krematoriums fand die Britische Kommission 1945 eine Namensliste westlicher Kriegsopfer, die eingeäschert wurden. Unter den 97 „von der Gestapo hingerichteten und in Krematorium eingeäscherten“ Kriegsgefangene waren auch zwei Namen vom Juni 1942, die ungewöhnlich klangen. Es handelte sich tatsächlich um Sowjets. Diese Entdeckung führte zu der Frage: Gab es möglicherweise weitere sowjetische Opfer? Kurze Zeit später legte die Dortmunder Stadtverwaltung eine Liste mit genau 100 „russischen Namen“ vor. Diese Menschen wurden in Dortmund „eingeäschert“ und in Wewelsburg „beerdigt“. Im September und Oktober 1942 wurden 98 „Russen“ eingeäschert. Stehen die Namen wohl möglich auch in den Dokumenten der Gestapo? Und wirklich ein Vergleich mit den Akten der Gestapo zeigt, mehrere Namen sind in beiden Listen. In den Gestapoakten findet sich bei den Namen der Vermerk „von der Gestapo abgeholt“ und „aus Gestapohaft entlassen“.
Noch spannender wird es, wenn man Dokumente aus der Datenbank OBD-Memorial zu diesem Fall untersucht. Für 8 eingeäscherte „Russen“ gibt es dort Dokumente aus der Einwohnermeldekartei des zuständigen Standesamts in Büren mit dem Eintrag „…wohnhaft in Wewelsburg“ .. „ist in Wewelsburg…verstorben“. Als Sterbedatum ist der gleiche oder der nächste Tag nach der „Entlassung“ aus Gestapohaft in Dortmund angegeben.
Ist es glaubwürdig, dass 98 Menschen, die im KZ Wewelsburg waren, zuerst dort von der Gestapo verhaftet und nach Dortmund gebracht wurden, dann, nach ihrer Entlassung aus der Gestapohaft, am darauffolgenden Tag in Wewelsburg verstarben, danach nach Dortmund geschafft und dort eingeäschert wurden? Nach Dokumentenlage brachte man jedenfalls die Urnen mit der Asche nach Wewelsburg. Im März 1943 wurden, nach einem Vermerks des SS-Grupenführer Schobel, 55 Urnen der im Oktober eingeäscherten Russen „..wieder an HfH-Do überstellt“. Die Asche der Ermordeten hatte man auf den Felder rund das SS-Lager Wewelsburg verstreut.


Die Britische Kommission stellte in Dortmund wegen fehlender Dokumente keine weiteren Untersuchungen an.

Dennoch ist merkwürdig, dass in 4 Jahren für das Krematorium in Dortmund nur für zwei Monate täglichen Einäscherungen von Kriegsgefangenen belegt sind. In einigen Monaten gibt es zwei-drei Tage an denen Einäscherung stattfanden. Dann folgen mehrere Monaten, ohne dass die Einäscherung von Kriegsgefangenen dokumentiert wäre.

Andererseits ergibt sich aus den Dokumenten ein Vorgehen der Gestapo. Mehrere Personen, hinter deren Namen sich der Vermerk „entlassen“ befindet, wurden noch am selben Tag im Krematorium eingeäschert. In den Jahren 1941 bis 1944 gibt es hunderte Namen in den Listen der Gestapo-Dortmund mit diesem Vermerk.
Das Dortmunder Krematorium war eines der modernsten in Deutschland. Dort wurden nicht nur Einäscherungen für Dortmund, sondern auch für Bochum, Bielefeld und sogar für Berlin gemacht . So sind auf einem Gräberfeld auf dem Friedhof Blumenstraße in Bochum, auf dem sowjetische Kriegsgefangene und Zivilarbeiter*innen beerdigt sind, 309 Urnen begrabenen, die mit große Wahrscheinlichkeit aus dem Dortmunder Krematorium kamen. Auf diesem Friedhof wurden während des Krieges auch sowjetische Bürger beerdigt.


Noch trauriger wird die Geschichte durch einen weiteren Punkt. Von 98 „Russen“ erscheinen nur 97 im Wewelsburg auf einer Gedenktafeln. Alexander Kwetkin aus der ukrainischen Stadt Pawlopol hat kein Platz an diesem Ehrenort gefunden. Er hatte sehr oft Pech. Zuerst hat ein Dolmetscher seinen Namen nicht als Kwetkin sondern Quetkin registriert, danach kam er in das SS-Lager Wewelsburg.

Die Tafel in der Gedenkstätte Wewelsburg zeigt die Namen der dort Ermordeten

Ist Alexander Kwetkins Schicksal ein Einzelfall oder gibt es möglicherweise weitere Opfer aus dem SS-Lager Wewelsburg , die von der Gestapo Dortmund ermordet und deren Asche im Wewelsburg verstreut wurde und die heute vergessen sind. Oder sind möglicherweise hunderte Opfer der Gestapo in Dortmund geblieben? Wurden sie hier eingeäschert und wo sind sie begraben? Klarheit können nur weitere Nachforschungen bringen. Jedenfalls sollten alle Opfer der Gestapo, deren Asche in Wewelsburg verstreut wurde, einen Platz auf der Gedenktafel finden.

Vergessene Namen in Hamm

In den frühen Morgenstunden des 3. April 1944 ereignete sich auf der Zeche Sachsen, im Flöz Präsident, durch die Entzündung eines Gas-Luft-Gemischs, eine Schlagwetterexplosion. 169 Bergleute verloren ihr Leben.

Auf dem Friedhof in Dasbeck erinnern ein Gedenkstein an eine verheerende Schlagwetterexplosion. Eine Gedenkplatte nennt die Namen der deutschen Bergleute.

Wer aber waren die verunglückten Bergleute?
Am Unglücksmorgen arbeiten im Streb vier deutsche und 76 sowjetische Hauer, 18 sowjetische Kriegsgefangene, 9 Ostarbeiter sowie 25 Deutsche waren im Streckenvortrieb und in der Strebförderung beschäftigt. Außerhalb des Explosionsorts und bei Rettungsarbeiten starben weitere Bergleute. Die schreckliche Bilanz waren 169 Tote, von denen 127 ihr Grab unter Tage fanden. Unter den Toten waren 56 deutsche und 113 ausländischen Bergleute.

Für 55 Heessener Knappen fand auf dem Dasbecker Friedhof, unter Anteilnahme der Bevölkerung, eine Trauerfeier statt. Die ausländischen Bergleute nannte man nicht. Erst 1947 wurde für die verunglückten sowjetischen Bergleute ein Denkmal mit ihren Namen errichtet. Es befand sich auf dem Zechengelände, wurde aber 1987 abgebaut und zerstört. Fraglich ist, ob dies absichtlich geschah oder ein Versehen war.

Quelle montan.dok/BBA/54/851

Jedenfalls sind 113 Opfer des Grubenunglücks heute namenlos. So begann die Suche nach den ausländischen Opfern. Frühere Anfragen in Hamm gaben wenig Hoffnung ihre Namen noch zu finden. Nach Auskunft des Knappenvereins gab es keine Namen von sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeitern. Heute stehen aber verschiedene Quellen zur Verfügung, um Dokumente von sowjetischen Kriegsgefangenen ausfindig zu machen. Vielleicht ließen sich durch Recherchen in Dokumenten der Wehrmacht, die in verschiedenen Archiven liegen, wenigstens einige Namen ermitteln. Und wie ist die Dokumentenlage für die Kriegs- und die Nachkriegszeit im Stadtarchiv in Hamm?

Ein Besuch dort war mit keinen hohen Erwartungen verbunden. Doch schon eine erste Sichtung der bereitgestellten Akten war überraschenderweise erfolgreich. Bereits das erste Blatt der Akte war eine Liste mit allen Namen der am 3.04.1944 verunglückten sowjetischen Kriegsgefangenen, einschließlich Hinweisen auf die Registrierungsorte und -nummern. Letzteres ist für die Recherche besonders hilfreich, denn bei der Registrierung erhielt jeder Kriegsgefangene eine Erkennungsmarke, die ihn auf seinem Weg durch die Lager und Arbeitskommandos begleitete. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Namen und Vornamen bei der Registrierung oft falsch aufgenommen wurden. Eine Durchsicht der Dokumente bestätigte diese Annahme, auch bei den vorliegenden Listen sind zwei Drittel der Namen falsch geschrieben.
Andere Bestände des Stadtarchivs in Hamm zeigen die Lage der Gräber, die Grabnummerierung, eine Namensliste aus der Nachkriegszeit, die vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge nach Angaben der Kommune erstellt wurde, und den Schriftwechsel mit verschiedenen Behörden und der Stadt, in dem alle Fragen der Grabpflege angesprochen wurden.

Im Stadtarchiv der Stadt Hamm gibt es also zahlreiche Dokumente über die am 3. April bei der Schlagwetterexplosion verunglückten sowjetischen und polnischen Bergleute. 75 Jahre nach dem Ende des Krieges wäre es an der Zeit an sie zu erinnern und ihnen mit einem Gedenkstein ihre Namen zurückzugeben.

16. März 1944 – schweres Grubenunglück auf der Zeche Hansa in Dortmund-Huckarde

Auf dem Friedhof in Dortmund-Huckarde befindet ein Gräberfeld mit 73 Grabsteinen, die Inschriften auf den Steinen sind verwittert und kaum noch lesbar. Die Grabsteine erinnern an die Bergleute, die vor 76 Jahren bei einem Grubenunglück ums Leben kamen.
Während des Schichtwechsels am 16. März 1944 ereignete sich auf Zeche Hansa ein schweres Unglück. Gegen 5.30 wurden mehrere Schlagwetterexplosionen in der 1. nördlichen Abteilung der 8. Sohle ausgelöst. Ausfahrende Bergleute berichteten von verletzten Kollegen. Schnell waren Grubenwehren aus mehreren Zechen zur Stelle. Sie konnten 37 Verletzte bergen. 94 Bergleute jedoch starben. 29 Toten wurden geborgen, 25 Deutsche und 4 Russen.
Die 25 deutschen Bergleute wurden auf dem Huckarder Friedhof, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, beigesetzt. An der Trauerfeier nahmen mehr als 1000 Menschen teil. Die 4 Russen, sowjetische Kriegsgefangene, wurden nicht auf diesem Friedhof beigesetzt, sondern vermutlich auf dem Ausländerfriedhof am Rennweg begraben, ebenso wie wahrscheinlich auch 4 sowjetischen Kriegsgefangenen, die einige Tage später an ihren Verletzungen starben.
Zeitgenössische Veröffentlichungen geben an, dass 65 Bergleute, darunter 28 überwiegend sowjetische Kriegsgefangene, im Brandfeld blieben.
Vasilii Iwanowitsch Artijchin und Wasilii Iljitsch Wawilow gehörten zu den sowjetischen Kriegsgefangenen, die im Brandfeld blieben.



Vasilii Artijchin, geboren 6.6.1913, war von Beruf Schlosser. Am 17.7.1941 geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft. Er wurde im Stalag XI A in Dörnitz registriert und erhielt die Erkennungsmarken mit der Nr. 120554, ab November war er im Bau Batl.151, dann bei verschiedenen Arbeitskommandos. Am 9.9.1943 wurde er zum Stalag VI A nach Hemer überstellt. Ab Oktober 1943 war Vasilii Artijchin auf der Zeche Hansa. Seine Personalkarte trägt den Vermerk „Am 16.3.1944 inf. Grubenunglück auf Zeche Hansa, Dortmund Huckarde vermisst“.

Wasilii Iljitsch Wawilow, geboren am 14.1.1919, war von Beruf Bauer. Er wurde am 18.9.1941 gefangengenommen und im Stalag X B in Sandbostel registriert. Er erhielt eine Erkennungsmarke mit der Nr. 127642. Am 23.8.1943 wurde er nach Hemer, ins Stalag VI A, überstellt. Ab 28.8.1943 war er auf der Zeche Hansa. Auch seine Personalkarte trägt den Vermerk „Am 16.3.1944 inf. Grubenunglück auf Zeche Hansa, Dortmund Huckarde vermisst“.

Seit 1942 wurden auf den Zechen im Ruhrgebiet die zur Wehrmacht eingezogenen Bergleute durch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter ersetzt. Auf der Zeche Hansa waren im Jahre 1944 54 % der Bergleute Kriegsgefangene oder Zivilarbeiter aus der Sowjetunion, aus Polen, Frankreich und Belgien. Sie alle waren in Huckarde in der Nähe der Zeche in Barackenlagern untergebracht und legten jeden Tag den Weg vom Lager zur Zeche zurück.
Das Grubenunglück vom März 1944 blieb in Huckarde in trauriger Erinnerung. Noch immer waren die meisten Bergleute nicht geborgen. Am 7. Januar 1952 brach man die Brandmauer auf der 8. Sohle auf. 10 Bergleuten wurden gefunden, die Identifizierung der Toten war nicht möglich. Zur Erinnerung an die Toten der Grubenunglücke von 1940 und 1944 auf der Zeche Hansa wurde am 16. März 1952 eine Bronzefigur, geschaffen von Wilhelm Wulff, eingeweiht.

Friedhof Huckarde

Luftbilder aus den 60ziger Jahren zeigen eine Neugestaltung des Gräberfeldes. 73 Grabkissen erinnern an die verunglückten Bergleute vom 16. März 1944. Auf den Steinen in der 2. und 3. Reihe finden sich auch die Namen von sowjetischen, französischen, polnischen und belgischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeitern, darunter auch die Namen von Wasilii Warwilow und Vasilii Artijchin.

Namenlosen Kriegsopfern ihre Namen zurückgeben- der Internationale Friedhof am Rennweg in Dortmund

In jedem Land der Erde gibt es auf Friedhöfen und Bestattungsorten  Symbole und Zeichen, die an die Verstorbenen erinnern. Viele Besucher*innen des Internationalen Friedhofs am Rennweg in Dortmund sind daher schockiert, wenn sie erfahren, dass die grünen Wiesen, auf denen sie stehen, in Wirklichkeit Gräber sind. Die Ruhestätten der Verstorbenen des 2. Weltkriegs haben ein sehr unterschiedliches Aussehen. Während sich auf den Gräbern von Verstorbenen deutscher Nationalität in der Regel ein Kreuz, oft sogar mit dem Namen, befindet, ist das auf dem Internationalen Friedhof nicht der Fall. Tatsächlich hat der Internationale Friedhof heute einen parkähnlichen Charakter. Für die polnischen und serbischen Opfer  wurden separate Grabfelder mit Grabmalen, die die Namen tragen, geschaffen, für die sowjetischen Kriegsopfer aber ist das nicht der Fall. Auf den Feldern der sowjetischen Kriegsopfer sind Obelisken, die in allgemeiner Form an die Zahl der Verstorbenen erinnern, aber nichts erinnert an den einzelnen Menschen. Das mag auch daran liegen, dass in der Nachkriegszeit viele Namen nicht bekannt waren. Viele der als unbekannt begrabenen Menschen waren Kriegsgefangene, die im Stalag VI D an der Westfalenhalle verstorben sind. Die Identität dieser Menschen war der Wehrmacht, der das Lager unterstand, bekannt. Die Namen wurden der Friedhofsverwaltung jedoch nicht mitgeteilt. Die Verstorbenen trug man als „unbekannt“ in das Sterbebuch beim Hauptfriedhof ein. Dieses Sterbebuch zeigt für die Zeit vom Herbst 1941 bis zum Frühjahr 1943 keinen einzigen namentlichen Eintrag. Die Personaldokumente der Verstorbenen wurden regelmäßig an die Wehrmachtsauskunftstelle gesandt. Die Kriegsgefangenen, die nicht namenlos begraben wurden, kamen aus den Arbeitskommandos, in denen sie Zwangsarbeit leisten mussten. Viele starben dort durch tödliche Arbeitsunfälle oder wurden auf der Flucht erschossen.

Die Stadt Dortmund hat die namenlosen Bestattung einer sehr großen Zahl von sowjetischen Kriegsgefangenen und von sowjetischen Zivilarbeiter*innen weder während des Krieges noch in der Nachkriegszeit hinterfragt. In der Nachkriegszeit wurden auf vielen Friedhöfen die Grabmarkierungen von den Gräbern entfernt, so auch auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg. Ein Kreuz oder ein Grabstein blieb den sowjetischen Kriegsopfern auch in der Nachkriegszeit versagt, da die damalige NRW-Landesregierung dies für zu kostenintensiv hielt.

Wie viele sowjetische Kriegsopfer tatsächlich auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg begraben sind, ist bis heute unbekannt. Kurz nach dem Krieg wurden verschiedene Zahlen genannt. So spricht ein Dokument aus der Sowjetunion von 17000 Verstorbenen, die dort begraben sind. Das Sterbebuch des Hauptfriedhofs für sowjetische Kriegsgefangene, das jedoch lückenhaft ist, und die Sterbeurkunden von Zivilarbeiter*innen weisen insgesamt 1755 namentliche Einträge auf und 3230 Einträge mit dem Vermerk „unbekannt“. Diese Zahl wurde in der Nachkriegszeit, auf Verlangen der Alliierten, von der Stadt Dortmund an die Bezirksregierung in Arnsberg gemeldet. Die sowjetischen Militärbehörden erhielten ebenfalls eine Nachricht über die Zahl der verstorbenen sowjetischen Bürger*innen.

An diesen Zahlen aus der Nachkriegszeit hält die Stadt Dortmund bis heute fest, obwohl Personaldokumente von verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter*innen, die in Westdeutschland Zwangsarbeit leisten mussten, heute in verschiedenen Archiven zugänglich sind. So ist es durch umfangreiche Recherchen, die zu einem wesentlichen Teil von Dmitriy Kostovarov vom historischen Verein Ar.kod.M e.V. durchgeführt wurden, gelungen eine große Anzahl von Namen der auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg begrabenen sowjetischen Kriegsgefangenen zu ermitteln.

Gedenken auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund

Heute gibt es eine Namensliste mit 4466 Namen, die sowohl der Stadt Dortmund als auch dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der Botschaft der Russischen Föderation vorliegt. Die tatsächliche Zahl der Bestattungen auf dem Internationalen Friedhof dürfte aber viel höher sein, als die dokumentierten 4985 Bestattungen. Es lässt sich eine größere Zahl von Todesfällen nachweisen, die nicht eingetragen wurden. Man muss also davon ausgehen, dass in den Kriegswirren wahrscheinlich nicht alle Bestattungen dokumentiert wurden. Die Beschäftigung mit diesem Thema zeigt, dass viele Schicksale noch im Dunkeln liegen. Es zeigt sich aber auch, dass heute viele Recherchemöglichkeiten in Archiven bestehen. Weitere Nachforschungen müssten von der Kommune selbst durchgeführt werden oder zumindest großzügig unterstützt werden, wenn sie von bürgerschaftlichen Initiative angestellt werden.

Schwarze Löcher, weiße Flecken

Das Ende des 2. Weltkrieg in Europa am 8/9. Mai und der Sieg über den Nationalsozialismus war auch ein Neuanfang in Europa. Wie aber ist es heute um Europa bestellt? 75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs zeigen Reden und Taten von Politiker*innen in Europa eine große Unversöhnlichkeit.
Im Jahr 1945 kapitulierte Nazideutschland. Die 50ziger und 60ziger waren eine Zeit des Schweigens und Verschweigens. Dieser Zeit folgte in den 70ziger und 80ziger Jahren eine Zeit der Diskussion und der Aufarbeitung. Die Kommunen gingen damit jedoch sehr unterschiedliche um. Die Dortmunder Stadtgesellschaft gedenkt in jedem Jahr in zahlreichen Veranstaltungen den Opfern der Naziherrschaft und erinnert an den Widerstand mutiger Menschen. Nur wenig Aufmerksamkeit in der Erinnerungsarbeit in Dortmund finden dagegen die zigtausenden Menschen, die in Dortmund Zwangsarbeit leisten mussten und das Stalag VI D an der Westfalenhalle, in dem von 1939 bis 1945 zigtausende Kriegsgefangene waren. Zwar erinnert ein Gedenkstein an das Stalag VI D, dennoch gibt es in der Stadtgesellschaft kaum Erinnerungen an das Lager an der Westfalenhalle.

Gedenkstein an der Westfalenhalle in Dortmund

Was sind die Gründe dafür? Sucht man in den Städten des Ruhrgebiet und des Rheinlands nach Dokumenten aus der Kriegs- und Nachkriegszeit über „sowjetische Kriegsopfer“, fällt auf, dass es zahlreiche Originaldokumente, Todeslisten, Grabpläne, Akten von Exhumierungen und Umbettungen gibt. Diese Dokumente liegen u.a. in örtlichen oder regionalen Archiven, aber auch beim Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution. Es handelt es sich hier oft um Unterlagen der Wehrmachtsauskunftstelle (WAST). Fotografien und Berichte vom Zeitzeugen sind in Büchern und Ausstellungskatalogen zu sehen und in Foto- und Kinoarchiven (z.b. Holocaust-Spielberg Sammlung, Washington). Die Dokumentenlage für Dortmund ist jedoch sehr spärlich. Tatsächlich hat die Stadt Dortmund im Bombenhagel große Schäden erlitten, aber das gilt auch für andere Städte in Westdeutschland, die dennoch über zahlreich Dokumente, z.B. Listen mit Namen von Kriegsopfer, verfügen.

Auf der Website der Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution zeigt die interaktive Karte mit Standorten von Dokumentenbeständen für Dortmund keine einzige Informationsquelle. Andererseits haben unsere weiteren Nachforschungen bei den Arolsen Archives ergeben, dass dort Dokumente liegen, die in Dortmund erstellt wurden, im Stadtarchiv Dortmund von uns bisher aber nicht aufgefunden werden konnten. Auch über das Stalag VI D, das bis zu seiner Bombardierung im März 1945 betrieben wurde, gibt es in Dortmund nur sehr geringe Dokumentenbeständen. Dokumente und Beweise, die Aufschluss über das Stalag VI D geben könnten, wurden befehlsmäßig vernichtet oder „durch die Bombardierungen zerstört“. Zeitzeugnisse, Papiere, Fotos, Unterlagen der Verwaltung sind gewissermaßen in einem schwarzen Loch verschwunden.

Im Stalag VI K in Stukenbrock und im Stalag VI A in Hemer, die beide etwa die Größe des StalagsVI D in Dortmund hatten, wurden nach ihrer Befreiung eine sehr große Anzahl Fotos aufgenommen und zahlreiche Filme gedreht. Für Dortmund gibt es lediglich 3 Fotos aus dem Psychiatrischen Klinikum in Aplerbeck und ein Kurzfilm über Aplerbeck, der 1 Minute 28 Sekunden lang ist und auf dem höchstwahrscheinlich auch die Exhumierungen in Warstein zusehen sind. Nach der Bombardierung des Stalag VI D befanden sich auf dem Dortmunder Stadtgebiet, auf Werks- und Zechengeländen und in Privatgebäuden, viele Lager und Arbeitskommandos, die zu einem großen Teil dem Stalag VI D unterstellt waren. Im Januar 1945 lebten mehr als 43000 ausländische Arbeitskräfte, darunter 15.000 Kriegsgefangene, in Dortmund. Auch wenn das Stalag in Dortmund durch Bombenangriffe schwerbeschädigt war, lebten in den Lagern der zahlreichen Arbeitskommandos, bis zum Einmarsch der Amerikaner Anfang April 1945, noch tausende Menschen. Es ist schwer vorstellbar, dass es keinerlei Fotos und Filmdokumente von der Befreiung dieser Lager geben soll. Zudem fehlen Dokumente über den Verbleib dieser Menschen nach ihrer Befreiung und über ihre Rückführung fast gänzlich.Nach offiziell amerikanischen Angaben wurden in Dortmund 4038 sowjetische Bürger befreit.

Während es sowohl über das Stalag VI K in Stukenbrock als auch das Stalag VI A in Hemer umfangreiche Veröffentlichungen gibt, sucht man eine solche für das Stalag VI D in Dortmund bisher vergeblich. Bürgerschaftliches Engagement, eine wissenschaftliche Aufarbeitung und die Errichtung von Gedenkstätten vor Ort haben dazu beigetragen, dass die Lager in Stukenbrock und Hemer nicht in Vergessenheit geraten konnten. Zwar wurde auf dem Gelände des Stalag VI D in Dortmund ein Gedenkstein erreichtet, eine stadtgeschichtliche Aufarbeitung fand aber bisher nicht statt. Noch immer fehlt eine Gedenkstätte auf dem Gelände der Westfalenhalle. Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Dortmund in Bezug auf die Kriegsopfer, insbesondere auf die Kriegsgefangene aus der Sowjetunion, und auf das Stalag VI D, ist bisher nicht geschehen und so weist die Erinnerungskultur in Dortmund, auch mehr als 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs, noch viele weißen Flecken auf.

Viele Fragen sind noch offen

Auch mehr als 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs sind viele Fragen zum Thema Kriegsopfer noch nicht geklärt. Viele Familien in Russland und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion möchten etwas über das Schicksal ihrer Angehörigen wissen, die in Deutschland während des 2. Weltkriegs umgekommen sind. Dank neuer Kommunikationsmöglichkeiten gibt es die Möglichkeit weltweit zu kommunizieren. Über das Internet habe ich Kontakte zu meinen Landsleuten in der früheren Sowjetunion. So haben viele Familien mit mir Kontakt aufgenommen und mich um Hilfe gebeten. Sehr oft fragen sie als Erstes nach Fotos vom Grab unseres Vaters oder Großvaters. Um diesen Wunsch zu erfüllen, begann ich deshalb die Friedhöfe in Dortmund und Umgebung zu besichtigen.
Zuerst war ich schockiert über die große Zahl der Grabstätten von „Russen“. Fast jede kleine Kommune hat mindestens einen Friedhof mit Gräbern sowjetischer Bürger und Bürgerinnen. In Dortmund habe ich insgesamt 24 Friedhöfe gefunden, außerdem zwölf weitere in der Umgebung von Dortmund. Wie viele Opfer in Dortmund und Umgebung tatsächlich bestattet sind, ist bis heute nicht bekannt.

Diese Friedhöfe sind sehr unterschiedlich gestaltet. In schlimmsten Fall gibt es dort, wo sich die Gräber befinden, nur Rasenflächen, aber oft gibt es in den Friedhofsämtern noch Namenslisten. Es gibt Friedhöfe mit Gräberfeldern, auf denen Grabmale oder Grabsteine stehen. Viele Grabmale wurden gleich nach dem Krieg von Menschen aus der Sowjetunion errichtet, um an die ZwangsarbeiterInnen und Kriegsgefangenen, die in Deutschland umgekommen sind, zu erinnern. Diese Grabmale sind manchmal in einem schlechten Zustand. Auf anderen Friedhöfen wurden Grabsteine oder Grabmale von deutschen Friedhofsverwaltungen oder engagierten Bürgern errichtet. Dies geschah meistens mit Hilfe des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. Die Namen und Daten auf diesen Grabmalen sind häufig ohne Prüfung aus kommunalen Dokumenten übernommen worden. Leider wurden bei der Erstellung dieser Dokumente die Namen sehr oft falsch geschrieben und die falsche Schreibweise findet sich bis heute auch auf den Grabmalen wieder. Für die Pflege und Erhaltung von Ruhestätten sowjetischer Bürgerinnen und Bürger, die im 2. Weltkrieg in Westdeutschland als Kriegsgefangene oder ZwangsarbeiterInnen umgekommen sind, gibt es leider kein Gesamtkonzept. So geht jede Kommune mit diesen Grabstätten nach eigenen Vorstellungen um. Selbst wenn die Grabstätten hergerichtet werden, fehlen oft Kompetenz und Sprachkenntnisse, so dass die Schreibung der Namen bei einer Instandsetzung weiterhin fehlerhaft bleibt. Eine falsche Schreibweise der Namen ist für die Familien der Verstorbenen ein großes Problem, denn dadurch wird das Auffinden eines Angehörigen sehr erschwert, wenn nicht unmöglich.

Friedhof am Duloh in Hemer

Da sich in vielen kommunalen Archiven noch Listen mit den Namen der Verstorbenen und andere Dokumente befinden, habe ich dort für die Familien Nachforschungen angestellt. Bei der Suche bin ich aber zunächst auf große Schwierigkeiten gestoßen. Mir wurden anfangs alle Suchaktionen aus Datenschutzgründen untersagt, deshalb habe ich mit Gleichgesinnten den historischen Verein Ar.kod.M e.V. (Allrussische Kriegsopferdaten Memorial e.V.) gegründet. Das hat den Zugang zu den Archiven ermöglicht. Die Ergebnisse dieser Recherchen poste ich im Internet, um sie den Familien zur Verfügung zu stellen.

Bei mir ruft es unbeschreibliche Emotionen hervor, wenn Menschen bei der Suche nach ihren Familienangehörigen Erfolg hatten. Die Kontakte zu den Familien von Opfern sind mir sehr wertvoll. Es freut mich immer sehr, wenn Familien die Gräber ihrer Angehörigen in Westdeutschland durch meine Arbeit finden und sie besuchen können.

Wäre es möglich für alle Friedhöfe Nachforschungen anzustellen, könnten mehr Menschen ihre Familienangehörigen finden. Leider stoßen weiterführende Nachforschung bisweilen auf Ablehnung. Kommunen berufen sich stattdessen auf Namenslisten, die anhand von Dokumenten aus der Nazizeit aufgestellt wurden. Diese Dokumente geben aber nur zu oft Verfahrens- und Sichtweisen der Nazis wieder. Die Dokumente aus der Nazizeit bedürfen daher selbst einer kritischen Bewertung. Sowjetischen Kriegsgefangenen blieb beispielsweise nach ihrem Tode der Eintrag in das örtliche Standesregister versagt. Sie wurden, wenn sie in einem Stalag verstorben sind, als „Unbekannte“ bestattet. Die Lagerleitung teilte den Kommunen die Namen der Verstorbenen nicht mit, obwohl ihr die Identität dieser Menschen bekannt war. Die Registrierungsdokumente der verstorbenen Kriegsgefangenen wurde aber an die Wehrmachtsauskunftstelle (WASt) weitergeleitet.

Auch 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges sind Nachforschungen möglich. Heute stehen für Nachforschungen zahlreiche Archive zur Verfügung, in denen eine sehr große Zahl Dokumente lagern, die Aufschluss über die Identität der Verstorbenen geben können. So zeigen über 3 Mio. Dokumente von verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen im Gesamtarchiv des Verteidigungsministeriums der Russische Föderation (Общая База Данных – Мемориал OBD-Memorial) in Podolsk bei Moskau heute das Ausmaß der Verbrechen. Zu den Beständen gehören Dokumente aus der Kriegszeit und der Nachkriegszeit, u.a. Todeslisten, Arbeitshefte aus Betrieben, Arbeitskarten, Transportlisten und Überführungskarten sowie Namens- und Opferlisten, die im Auftrag der Alliierten nach Kriegsende angefertigt wurden. Alle diese Dokumente sind für Interessierte offen auf der Internetseite von „OBD-Memorial“ www.obd-memorial.ru zu sehen und sie ermöglichen heute neue Erkenntnisse durch Informationen, die nach dem Krieg nicht zugänglich waren. Mithilfe von Dokumenten der Roten Armee kann die falsche Schreibweise des Namens in vielen Fällen korrigiert werden. Der Zugang zu diesen Dokumenten macht es möglich fast vollständige Namenslisten von Kriegsopfern zu erstellen.
Die Resultate dieser Nachforschungen ergeben höhere und viel glaubwürdigere Zahlen von Opfern, die in einem verbrecherischen Krieg gestorben sind. Die Ergebnisse der Recherchen ermöglichen uns die Grabstätten, die bisher nur einfache, namenlose Rasenflächen sind, zu würdigen Ruhestätten für die Opfer umzugestalten.

Dmitriy Kostovarow

Über das Schicksal

Eine Familie Russlanddeutscher lebt schon lange in Deutschland. Der jüngere Sohn wohnt mit seiner Mutter in Leipzig und der ältere Sohn studiert in Bremen. Die Familien der jungen Männer stammten aus dem tiefsten Sibirien, einem fast unbewohnten Gebiet. Sowohl die Familie mütterlicherseits als auch die Familie väterlicherseits lebte dort lange Zeit und, wie für alle Familien in Russland, hat der Krieg auch bei ihnen seine Spuren hinterlassen. Als erwachsene Männer wollten die Brüder etwas über das Schicksal ihrer vermissten Großväter zu erfahren. In der Namensliste des Hauptfriedhofs Dortmund haben sie den Name des Großvaters mütterlicherseits gefunden. Mit Hilfe von Dokumenten aus dem Gefangenenlager konnten die beiden den Weg ihres Großvaters in der Kriegsgefangenschaft verfolgen. Nikolaj Nikiforowitsch Washenin ist im Jahr 1941 im Lager 366 mit EM 11249 als Gefangenen registriert worden und kam über zahlreiche Arbeitslager nach Dortmund. Dort ist er verstorben und wurde am 3.04.1944 auf dem Hauptfriedhof im Grab 4018, Feld 7 begraben.

Stele auf dem Internationalen Friedhof in Dortmund

Aber wie groß war der Schock, als die Brüder auch den Name des Großvaters väterlicherseits fanden. Sergei Egorowitsch Wetrow ist im Jahr 1943 in Kriegsgefangenschaft geraten und wurde im Lager 326 mit der Nummer EM 15525 registriert. Auch er wurde zum Arbeitseinsatz nach Dortmund gebracht. Er überlebte etwas länger in einem Arbeitskommando. Am 9.10.1944 starb er und wurde auf dem Hauptfriedhof im Grab 8178 auf Feld 8 begraben.
Die Enkel sind nach Dortmund gefahren und haben auf den Gräbern ihrer Großväter Blumen niedergelegt

Deutsche Soldaten

Neben 28 Millionen sowjetische Kriegsopfern sind auch 8 Millionen Deutsche ums Leben gekommen. Das Schicksal vieler deutscher Gefallener ist ihren Familien nicht bekannt. Der Tod wurde zwar registriert, doch viele Familien wissen bis heute nicht, wo ihre Angehörigen gestorben sind und wo sie begraben wurden. Einige suchen nicht, weil sie das Vergangene vergessen wollen, andere wissen nicht, dass Nachforschungen möglich sind. Nach deutschem Recht darf nur die Familie eine Suche initiieren. Angehörige haben manchmal noch Dokumente und Briefe aus der Kriegszeit, aber sie wissen nicht wie sie mit der Suche beginnen sollen.
In der Anfrage eines älteren Herrn, die aus einem Ort bei Kiel kam, hieß es, dass seine Mutter das letzte Lebenszeichen seines Vaters von einem seiner Kameraden erhalten habe. Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft sei er zu seiner Mutter gekommen und habe über ein Treffen mit seinem Vater erzählt. Dieser sei zu damals sehr krank gewesen und befand sich in einem Lagerlazarett. Er habe noch Hoffnung gehabt wieder nach Hause zu kommen.
Es gab noch einige Briefe mit der Nummer des Lagers. Mit der Unterstützung von Ehrenamtlichen in Russland gelang es, Dokumente und Pläne von den Lagern in der betreffenden Region zu beschaffen und zu prüfen. Der Gesuchte war an den Folgen seiner Erkrankung, am 3.1.1946, im Lazarett des Lagers N 15, gestorben und wurde auf dem Friedhof des Stadt Prokopijewsk in Sibirien unter der Nummer 674 begraben. Leider existiert dieser Friedhof nicht mehr. Es ist unwahrscheinlich, dass der Sohn in seinem Alter nach Sibirien fährt, aber er hat jetzt Gewissheit.

In einem anderen Fall hatte eine Familie Briefe, wusste aber nicht wo ihr Angehöriger gefallen war. In einem Brief schrieb er „nach dem Urlaub in Frankreich fahren wir wieder an die Ost-Front nach Stalingrad“. Ein Brief hatte die Anschrift der 16. Panzer-Division und eine Feldpostnummer. Der Gesuchte war aber offenbar in der 6. Panz.Div., die von März bis November 1942 in Frankreich war. Weitere Recherchen zeigten, dass diese Division bei Stalingrad, im Ortsteil Tatarskaja, durch die sowjetischen Artillerie erhebliche Verluste erlitten hatte. Es ist unwahrscheinlich, dass in einem solchen Fall ein Grab existiert, aber den Ort, an dem ihr Angehöriger vermutlich gefallen ist, kennt die Familie jetzt.

Eine andere Familie hatte die Briefe eines Angehörigen und den Brief seines Hauptmanns mit der Todesnachricht. Sie fragten nach dem Krieg nicht danach, wo er beerdigt ist oder ob es überhaupt ein Grab gibt. Ein Schriftwechsel mit dem „Volksbund – Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.“ in Kassel, ergab, dass der Gesuchte bei Kriwoi Rog gefallen ist. Wegen der Situation in der Ukraine ist die Suche nach den Überresten und die Umbettung nach Deutschland nicht möglich. Der Gefallene wurde aber in das Ehrenbuch der Stadt Kirowograd eingetragen. Die Familie war froh über das Ergebnis der Suche, um das zu unterstreichen, sagten sie – „wenn alle Deutschen Informationen über solche Möglichkeit hätten, wüssten vielen Familien mehr über das Schicksal ihrer Angehörigen.“

Opferzahlen aus der Nachkriegszeit und Nachforschungen heute

Die Erinnerung an die Opfer des zweiten Weltkriegs, die als Kriegsgefangene und ZwangsarbeiterInnen in deutschen Lagern ihr Leben verloren haben, basiert in Westdeutschland auf Datenerhebungen, die der alliierte Kontrollrat durchführen ließ. In jedem Ort mussten kommunale deutsche Verwaltungen Zahlen über die verstorbenen Kriegsgefangenen und ZwangsarbeiterInnen und die Bestattungsorte zusammenstellen, dabei konnten sie nur auf Dokumente aus deutschen Verwaltungen und Betrieben zurückgreifen. Von 1945 bis 1953 sammelten die Vertreter der vier Siegermächte Daten über die Verbrechen der Nazis und fertigten Namenslisten an. In der Regel sandten Offiziere der jeweiligen Militärverwaltung Anfragen an die städtischen Verwaltungen, um Opferzahlen und Namen zu erhalten. Die Antworten, die von den Alliierten nicht in Zweifel gezogen wurden, bildeten die Grundlage für Ergebnisprotokolle. Am Ende ergab sich die Zahl der Opfer und eine, für die damalige Zeit, annähernd vollständige Namensliste der Kriegsopfer. Die Alliierten erstellten für jeden noch so kleinen Ort Ergebnisprotokolle und legten die Opferzahlen fest. Die Erfassung der Namen erfolgte nach Nationalitäten getrennt. Später wurden in Lagern und Behörden weitere Karteien und Archive gefunden. Da waren die Ergebnisprotokolle mit den Opferzahlen bereits angefertigt und kommuniziert.

Während des Krieges sind Dokumente von verstorbenen Kriegsgefangenen an die WASt (Wehrmachtsauskunftstelle) nach Berlin gesandt worden. Für Dokumente, die durch Bombenangriffe zerstört wurden, sind bei der WASt häufig Ersatzdokumente erstellt worden. Leider ging ein Teil dieser Dokumente in den letzten Monaten des Krieges in den Kriegswirren für immer verloren.
Erst Jahre später wurden die Dokumente der WASt nach Nationen aufgeteilt, katalogisiert und erforscht. Diese Aufteilung war erst in den 1960er Jahren abgeschlossen. Dennoch wurden die Opferzahlen in den Kommunen in den allermeisten Fällen nicht korrigiert.

Heute stehen für Nachforschungen zahlreiche Archive zur Verfügung, in denen eine sehr große Zahl Dokumente lagern, die Aufschluss über die Identität der Verstorbenen geben können. Diese Dokumente zeigen uns heute das Ausmaß der Verbrechen.
Das Arolsen Archives, International Center on Nazi Persecution https://arolsen-archives.org/
ermöglicht Recherchen und Anfragen. Bei der Dokumentationsstelle Dresden steht die „Datenbank sowjetische Kriegsgefangene“ zur Verfügung https://www.stsg.de/cms/dokstelle/content/auskuenfte/sowjetische-buerger/kriegsgefangene/datenbank/db-kriegsgefangene
Über 3 Mio. Dokumente von Verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen befinden sich im Gesamtarchiv des Verteidigungsministeriums der Russische Föderation (Общая База Данных – Мемориал OBD-Memorial) in Podolsk bei Moskau www.obd-memorial.ru

Zu den Beständen gehören Dokumente aus der Kriegszeit und der Nachkriegszeit, u.a. Todeslisten, Arbeitshefte aus Betrieben, Arbeitskarten, Transportlisten und Überführungskarten und Namens- und Opferlisten, die im Auftrag der Alliierten nach Kriegsende angefertigt wurden. Alle diese Dokumente sind für Interessierte offen auf den Internetseite von „OBD-Memorial“ zu sehen und sie ermöglichen heute neue Erkenntnisse durch Informationen, die nach dem Krieg nicht zugänglich waren. Mithilfe von Dokumenten der Roten Armee kann die falsche Schreibweise des Namens in vielen Fällen korrigiert werden. Der Zugang zu diesen Dokumente macht es möglich fast vollständige Namensliste von Kriegsopfer zu erstellen. Die Resultate dieser Nachforschungen ergeben höhere und viel glaubwürdiger Zahlen von Opfern, die in einem verbrecherischen Krieg gestorben sind.