Wie steht es mit der Erinnerungskultur in Dortmund?

Wie steht es 75 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus und dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit dem Gedenken und der Erinnerung an die Opfer des Krieges in Dortmund?
Auf dem Hauptfriedhof befindet sich ein Ehrenmal und ein Gräberfeld. Links und rechts des Weges stehen fast 3500 Kreuzen. Sie tragen die Namen der deutschen Kriegsopfer in Dortmund. Beigesetzt wurden hier Dortmunder*innen, die im Bombenhagel umgekommen sind, aber auch Soldaten der Wehrmacht, alte Männer und Jungen, die beim Volkssturm waren oder bei Flak-Abteilungen. Die große Zahl der Kreuze zeigt augenfällig die große Zahl der Menschen war, die in Dortmund in einem sinnlosen, verbrecherischen Krieg ums Leben kamen. Hier zeigt sich die Tragik des Krieges mit jedem einzelnen Kreuz.

Deutsche Kriegsgräber auf dem Hauptfriedhof in Dortmund

Wenige Meter davon entfernt befindet sich der Internationale Friedhof am Rennweg. Dort wurden während des Zweiten Weltkriegs Kriegsgefangene und Zivilarbeiter*innen u.a. aus Polen, Serbien und der Sowjetunion, die in Dortmund Zwangsarbeit leisten mussten, gegraben.
Seit mehreren Jahren ist auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg, der auch Ausländerfriedhof genannt wird, ein Projekt geplant. Zum Gedenken und zur Erinnerung sollen Stelen mit den Namen der sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter*innen aufgestellt werden, die hier beerdigt sind. Die Verstorbenen wurden während des Krieges sehr oft anonym begraben. Wie viele es tatsächlich waren ist bis heute unbekannt. In einem sowjetischen Dokument aus dem Jahr 1945 wird die Zahl der dort begrabenen sowjetischen Opfer mit 17.000 angegeben. Dokumente der Stadt Dortmund aus der Nazizeit und der Nachkriegszeit geben an, dass fast 5000 sowjetische Bürger*innen auf dem Ausländerfriedhof begraben sind.
In der Nachkriegszeit wurden auf den Gräberfeldern Obelisken aufgestellt, ein Kreuz, ein Grabstein oder Grabmäler mit ihren Namen blieb den verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter*innen, anders als den Verstorbenen anderer Länder, bis heute versagt.

Gräber der sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter*innen auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund

2014 hat eine Kommission, bestehend aus der Stadt Dortmund, dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. , der Botschaft der Russische Föderation und der Bezirksregierung in Arnsberg, den Friedhof besichtigt. Bei der Besichtigung 2014 wurde zu Protokoll genommen, dass alle Beteiligten der Vereinbarung Verantwortung für das Projekt tragen. Es wurde festgehalten, der historische Verein „Ar.kod.M e.V.“ ordnet alle gefundene Namen alphabetisch nach Feldern. Das ermöglicht Zahl und Design der Stelen zu planen. Die Botschaft der Russischen Föderation überprüft alle gefundenen Namen auf Basis vorliegender Dokumente. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. übernimmt die Namensliste für die Übertragung auf die Stelen. Die Bezirksregierung in Arnsberg beantragt die Bundesmittel, die Stadt Dortmund ist für die Realisierung des Projekts zuständig.

Der historische Verein „Ar.kod.M e.V.“ hat einen Datenträger mit dem Arbeitsergebnis an die entsprechenden Stellen übergeben. Seit August 2014 gibt es aber keine Fortschritte in diesem Projekt, vielmehr wurden verschiedene Gründe, wie etwa keine Finanzierung, keine Genehmigung, Verzögerungen im Planungsprozess, genannt. Zuletzt wurde als Grund für die Verzögerungen fehlende Kapazitäten in den Planungsbüros für die erforderlichen Bodenuntersuchungen genannt. Verständlich ist, dass vor der Errichtung der Stelen auch Bodenuntersuchungen und Planungen erforderlich sind, die die Standfestigkeit sicherstellen.

Der „Internationale Friedhof“ ist auch als Jüdischer Friedhof bekannt. Dort befinden sich seit dem 1920ziger Jahren jüdische Grabstätten. 2016 wurde hier eine Platte verlegt. Die jüdische Gemeinde erinnert damit an die jüdischen Soldaten, Offiziere und Generale, die ihr Leben in Zweiten Weltkrieg verloren haben und an deren Einsatz und die Opfer, die sie für die Befreiung vom Nationalsozialismus gebracht haben. Diese Platte wurde 2019 gegen ein Denkmal aus schwarzem Marmor ausgetauscht. Sicherlich waren auch für dieses Denkmal Bodenuntersuchungen erforderlich um die Standfestigkeit sicherzustellen. In jedem Fall ist es den Initiatoren des Denkmals gelungen das Gedenken und die Erinnerung an die jüdischen Menschen, die in den alliierten Armee gekämpft und an der Befreiung Deutschlands von Krieg und Nationalsozialismus einen großen Anteil haben, würdig zu gestalten.

Denkmal für die im 2. Weltkrieg in den Armeen der Alliierten gefallenen jüdischen Soldaten, Offiziere und Generale

75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung vom Nationalsozialismus hat nun auch die Stadt Dortmund eine besondere Verantwortung, an die Menschen, die hier Zwangsarbeit geleistet haben, zu erinnern und ihnen ihre Namen zurückzugeben. Auf den Zechen und in den Betrieben in Dortmund bestand die Belegschaft oft zu 50 % aus Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter*innen. Diese Menschen haben mit der deutschen Bevölkerung gemeinsam gearbeitet. Ihr Leben, besonderes das der Menschen aus der Sowjetunion, war hart und entbehrungsreich. Sie waren in Lagern untergebracht und haben unter fehlender Versorgung, Krankheit und rassistischer Verfolgung gelitten. Nach ihrem Tod wurden sie oft anonym gegraben. Dies gehörte zum rassistischen Programm der Nazis. Einige Jahre später wurden die Gräber eingeebnet, so dass wir heute nur noch Rasenfläche vorfinden, wo sich einst Gräber befanden. Die Stadt Dortmund hat weder während des Krieges noch in der Nachkriegszeit ihren Umgang mit den Bestattungsorten der Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter*innen hinterfragt und so ein schwieriges Erbe hinterlassen.

Die Jüdische Gemeinde erinnert mit einem Denkmal an die Verdienste von jüdischen Soldaten, Offiziere und Generale, die ihr Leben in Zweiten Weltkrieg verloren haben, dafür muss ihr gedankt werden.
Es ist jetzt schlicht und einfach die Verantwortung der Stadt Dortmund, ein würdiges Andenken an die Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion zu schaffen, die als Zwangsarbeiter*innen in dieser Stadt lebten, litten und starben.

Wer sind die Ermordeten in der Bittermark?

Ein tragisches Kapitel in der Geschichte der Stadt Dortmund sind die Ereignisse in der Bittermark im Frühjahr 1945. Gemeint ist das grausame Verbrechen der Nazis in den letzten Kriegstagen. Kurz nach dem Kriegsende wurde die Massenmorde bekannt. Was in den Gestapoleuten vorging, die Hunderte der eingesperrten Opfer erschossen haben, können wir nur vermuten. Geschah es aus Wut über den verlorenen Krieg oder war es der Versuch die Verbrechen zu verbergen? Zu den Opfern dieser Tat zählen Hunderte von Gefangenen aus Gestapohaft. Selbst die Anzahl der Erschossenen gibt bis heute Anlass für weitere Recherchen. In der Broschüre „Katyn im Rombergpark“ ist zunächst die Rede von drei Begräbnisorten mit 100, 99 und 2 Leichnamen, insgesamt also 201. Wenige Seiten später wird von 238 Opfern berichtet, die auf verschiedenen Friedhöfen, unter anderem in Aplerbeck und Hörde, beerdigt wurden. 1954 wurde entschieden eine gemeinsame Grabstätte in der Bittermark zu schaffen. Zu diesem Zeitpunk wird in der Literatur schon von 254 Toten berichtet. Ist es möglich, dass einige der 18 im Johannes-Hospital in Hörde verstorbenen „Sowjets“ mit umgebettet wurden? Heute sind nur 12 sowjetische Namen in Hörde auf Kreuzen zu sehen. Die anderen 6 werden nicht mehr erwähnt. Seit einigen Jahren wird von 309 oder von über 300 „Opfern in der Bittermark“ gesprochen.
Noch mysteriöser erscheint die Suche nach den Namen der Opfer. Verständlicherweise wurden Opfer der Gestapo aus Dortmund und Umgebung von Familienangehörigen identifiziert. Im Buch Beutel/Klose „Katyn in Romberg-Park“, Seite 26, wird das Vorgehen sehr präzise beschrieben. Dort gibt es ein paar Stellen, bei denen die Identifizierung nicht so eindeutig ist. Eine Leiche wurde nur anhand „einer Narbe auf der Hand“ wiedererkannt. Mehrere Körper wurden überhaupt nicht von Familien identifiziert, sie wurden aber trotzdem „als wahrscheinliche Opfer“ namentlich genannt. Dazu zählen auch Personen, die in den letzten Tagen u.a. in Bochum, Hagen, Witten, Lüdenscheid oder Herdecke verhaftet wurden und zum möglichen „Abtransport nach Dortmund“ bestimmt waren. Viele sind aufgrund von Meinungsäußerungen oder ihrer politischen Auffassungen spurlos verschwunden. Das war für ihre Familien ganz schrecklich.

Äußerst schlechter ist die Beweislage bei der Identifizierung von ausländischen Opfern. Keiner der Ermordeten hatte Papiere, Erkennungsmarken oder andere privaten Gegenstände dabei. Eine Aussage aus der Nachkriegszeit in den Akten der Staatsanwaltschaft, die in dem Buch „Mit Stacheldraht gefesselt – Die Rombergparkmorde. Opfer und Täter“, von Lore Junge, Seite 129, zitiert wird, besagt dass ein LKW nach der Fahrt zum Erschießungsort mit allen Kleidungsstücken zurückgekommen ist. Das widerspricht den Textstellen, die beschreiben, dass die Familien ihre Verwandten anhand von Kleidungsresten identifiziert haben. Wie kann es sein, dass nach mehreren Jahren eine große Zahl der westlichen Opfer identifiziert wurde? Welche Beweise gibt es für diese Behauptungen? In der Veröffentlichung – „Mit Stacheldraht gefesselt – Die Rombergparkmorde. Opfer und Täter“, L. Junge, wird nur beschrieben, dass mehrere Menschen verschiedener Nationen gefasst und später vielleicht zur Gestapo nach Hörde abtransportiert wurden. Reicht das als Beweis für die Eintragung in die „Opferliste“?
Wir versuchen den Beweisen zu folgen und uns ein Bild von den Nachforschungen zu machen. Die Identifizierung der ersten Opfergruppe, der Deutschen, ist trotz einiger Zweifel noch glaubwürdig. Warum werden in den Veröffentlichungen von Detlev Peukert, aus den Jahren 1976 und von Lore Junge, aus dem Jahr 1999 plötzlich die Namen von anderen Gestapo-Opfern genannt? Gab es eine wissenschaftliche Arbeit, die neue Dokumente ausfindig gemacht hat? Gibt es eine neue Beweislage? In den verfügbaren Publikationen wird nichts darüber berichtet. Als Grundlage der Veröffentlichungen werden die Namen aus früheren Publikationen genannt. Es stellt sich die Frage, ob es ausreicht einmal in einem Text zu erscheinen, um als Gestapo-Opfer, das in der Bittermark ermordet wurde, anerkannt zu werden?

Wir haben die verfügbaren Dokumente auf eine andere Art untersucht. Was haben alle genannten Namen gemeinsam? Unsere Ergebnisse zeigen, dass all diese Menschen in den letzten Monaten aus „politischen“ und „wirtschaftlichen“ Gründen verhaftet und zu einer Gestapostelle gebracht wurden. Das Wichtigste aber ist, dass alle diese Namen den Vermerk „entlassen“ oder „von Gestapo entlassen“ tragen. Die Gestapo hat diese Menschen nicht frei gelassen. Dieser Vermerk war für die Inhaftierten das Todesurteil. Ab und zu findet man noch Vermerke wie „Transport“, oder „ von Gestapo abgeholt“. Aber solche Vermerke bedeuteten bereits 1942 das Todesurteil. Das könnte bedeuten, dass möglicherweise alle Gestapo-Inhaftierten der letzten Kriegsmonate als Erschossene in der Bittermark gewürdigt werden könnten, weitere Nachforschungen sind deshalb unbedingt notwendig.
Ein besonderer Anlass für unsere Arbeit ist das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter*innen. In Akten aus der Nachkriegszeit lesen wir, dass die meisten der in der Bittermark erschossenen Personen Ostarbeiter und Sowjets seien. Ein Dokument der britischen Kommission besagt, dass vermutlich 95 „Russen“ in der Bittermark ermordet wurden. In einem anderen Texten ist zu lesen, dass ein Widerstandskämpfer und vier Russen abtransportiert wurden. Die Gestapo-Akten zeigen, dass auch sowjetische Bürger in den letzten Monaten mit der Begründung „politisch“ oder „Arbeitsverweigerung“ in Gestapo – Haft genommen wurden. Und mindestens 87 von ihnen hatten als Vermerk „entlassen“. Weitere 20 „Russen“ haben den Vermerk „abtransportiert“. Bis heute wurde kein Name der Genannten unter den Überlebenden oder Befreiten gefunden. Selbstverständlich hat kein Mensch aus UdSSR eine Anfrage zum Verbleib ihrer Verwandten nach Deutschland gesandt. Während westliche Kriegsgefangene und Zivilisten mit ihren Familien die ganze Zeit Kontakt hatten, hatten „Sowjets“ keine Möglichkeit über ihre Unterbringung zu berichten. Sie waren und bleiben „unbekannte Opfer“ dieses grausamen Krieges. Dagegen müssen wir etwas tun!!!

Land der grünen Schilder

Für die Tätigkeit des historischen Vereins Ar.kod.M e.V. ist es wichtig zu wissen, wie Erinnerungsarbeit in anderen Städten und Bundesländern aussieht. So habe ich meine Freunde in Hamburg und Umgebung besucht. Zu meinem Programm gehörten Fahrten zu Gedenkstätten im ehemaligen Wehrkreis X. Die Wehrkreise waren Verwaltungseinheiten der Wehrmacht, insgesamt gab es 18 Wehrkreise in Deutschland und Österreich. Zum Wehrkreis X gehörte Hamburg, die gesamte Nordseeküste und die nordwestliche Ostseeküste bis Lübeck sowie das Hinterland.

Bereits auf der Fahrt zu den Gedenkstätten habe ich die vielen Schilder bemerkt, die auf die Erinnerungsorte und Friedhöfe hinwiesen. Die grünen Schilder tragen drei Kreuze, das Logo des Volksbundes Deutschen Kriegsgräberfürsorge e.V.

Den Besucher*innen zeigen Hinweisschilder am Straßenrand den Weg zu den Außenlagern der KZs und den Friedhöfe. Schon auf der Straße werden die Autofahrer*innen darauf hingewiesen, wie weit es vom jeweiligen Ortskern oder vom Parkplatz zum Erinnerungsort ist.

Nach dem Besuch der Gedenkstätten hatte ich den Gedanken „wie groß ist doch die Zahl solcher Erinnerungsorte in Norddeutschland“. Haben die Nazis im Norden Deutschlands noch brutaler geherrscht als an anderen Orten? Eine Karte in der Ausstellung des KZs Neuengamme weist eine vergleichbare Dichte von Arbeitskommandos und kleinen Lagern auf wie in ganzem Deutschen Reich. Aber in Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein zeigen die Verantwortlichen an zahlreichen Erinnerungsorten das ganze Ausmaß der Naziverbrechen. Auf allen Friedhöfen, auf denen Kriegsopfern begraben sind, werden die Grabplatten und die Stelen mit den Namen der Verstorbenen ständig erweitert, wenn weitere Namen durch neue Forschungsergebnisse vorliegen. Bei der Verwaltung der Friedhöfe liegen Dokument und Sterbebücher. Sie sind für Interessierte zugänglich. Die Namen der Menschen, die eingeäschert wurden, sind auf Gedenktafeln der Lager eingetragen. In den Gedenkstätten werden in Schaukästen die Forschungsarbeiten von Schülerinnen und Schülern gezeigt. Die Gedenkstätten werden auch bei schlechtem Wetter gut besucht.

Lässt sich daraus schließen, dass die Verantwortlichen im Norden Deutschlands ein größeres Interesse und mehr Mut haben, die Verbrechen der Nazis zu thematisieren?

„Geschichtsachse“ oder „Konzertflügel im Busch“

In Russland gibt es ein geflügeltes Wort „Rojal w Kustach“, „der Konzertflügel im Gebüsch“, ein- bis zweimal im Jahr wird er für ein feierliches Konzert hervorgeholt, den Rest des Jahres ist er im Gebüsch vergessen. Es besteht die Gefahr, dass das geplante Zwangsarbeiter*innen-Denkmal, das demnächst auf der Kulturinsel im Phönix-See errichtet werden soll, ein ähnliches Schicksal erleiden könnte.

Im Frühjahr 2019 fasste der Rat der Stadt Dortmund endlich einen Beschluss: das Zwangsarbeiter*innen Denkmal soll auf der Kulturinsel im Hörder Phönix-See errichtet werden. Bis zu diesem Beschluss war es ein langer Weg. Von Dortmunder Bürger*innen wird seit vielen Jahren ein Ort gefordert, der an die Menschen, die in Dortmund Zwangsarbeit leisten mussten, erinnert. Vereine und Initiativen in Dortmund setzen sich seit Jahren für die Errichtung einer solchen Gedenkstätte ein. Immerhin gab es für ein Zwangsarbeiter*innen-Denkmal einen Wettbewerb am Fachbereich Architektur der FH Dortmund und eine glückliche Gewinnerin. Doch der prämierte Entwurf landete fürs erste in der Schublade. Nachdem die Entscheidung für die Errichtung des Denkmals gefallen war, musste die Gewinnerin des Wettbewerbs erst noch ausfindig gemacht werden, denn sie hatte inzwischen ihr Studium abgeschlossen und Dortmund verlassen. Da nun die Urheberfragen geklärt waren, hätte dem Bau des Denkmals nichts mehr im Wege gestanden. Am südlichen Ufer des Phönix-Sees wurde ein Platz gefunden, doch dann kamen Einsprüche von Anwohner*innen, die den tagtäglichen Anblick eines solchen Denkmals als Zumutung empfanden. Nach dem Ratsbeschluss im Frühjahr 2019 schließlich hätte der Errichtung des Denkmals nichts mehr im Weg gestanden, zumal auch die Finanzierung gesichert ist. Es fehlen nur noch die erforderlichen Baugrunduntersuchungen. Doch nicht nur der sich ständig verzögernde Baubeginn, sondern auch der Standort auf der Kulturinsel gibt Anlass zu Fragen und Kritik.

Geplanter Standort des Zwangsarbeiter*innen Denkmal auf der Kulturinsel. Der Pfeil zeigt den von uns vorgeschlagenen Standort

Wie zu erfahren war, soll der derzeit angedacht Standort auf Wunsch der Stadtspitze gewählt worden sein. Unglücklicherweise wird das Denkmal dort durch Bäume und Elektroverteiler verdeckt. Dieser eher abgelegene Platz auf der Kulturinsel dient den Besucher*innen heute für allerlei Zwecke. Er wird als Hundewiese genutzt, und da der Ort schlecht beleuchtet ist, wird er nachts für private Partys und anderes benutzt. Grund für die Standortwahl sei auch die Zurückgezogenheit des Ortes, doch nur sehr wenig spricht für einen solchen Standort für ein Denkmals, das an die Zwangsarbeit in Dortmund erinnern soll. Es steht dort versteckt hinter Infrastruktureinrichtungen und Bäumen und ist vom einzigen Zugang zur Kulturinsel nur eingeschränkt einsehbar. Die Rasenfläche hinter dem Denkmal könnte zukünftig verstärkt zu privaten Partys einladen und sogar das Denkmal selbst könnte Ort nächtlicher Vergnügungen werden. Die Lage birgt zudem die erhöhte Gefahr von Vandalismus. Dieser Ort ist schwerlich ein Erinnerungsort, der den Menschen das Schicksal von tausenden Zivilarbeiter*innen und Kriegsgefangenen, die in Dortmund Zwangsarbeit leisten mussten, näher bringt.

Warum erhält ein solches Denkmal keinen exponierten Platz auf der Kulturinsel? Soll es wie der „Konzertflügel im Busch“ ein oder zweimal im Jahr als Kulisse für Gedenkfeiern dienen, statt als Teil einer Geschichtsachse für die Dortmunder Bürger*innen ein sichtbarer Erinnerungsort an die bisher leider nur teilweise aufgearbeitet Geschichte der Zwangsarbeit in Dortmund zu sein. Die Belegschaften vieler Dortmunder Betriebe und Zechen bestanden während des 2. Weltkrieges zu fast 50 % aus Zwangsarbeiter*innen. Alleine Hoesch hatte nach eigenen Angaben, aus dem Jahr 1946 gegenüber der Britischen Militärverwaltung, mehr als 13 500 Arbeitskarten von sowjetischen Zwangsarbeiter*innen.

Denkmal: Zwei Brammen aus einer der letzten Hörder Schmelzen, im Hintergrund die Kulturinsel mit der Thomas-Birne


Das Denkmal auf der Kulturinsel muss zu einem Erinnerungsort werden und zusammen mit der Thomas-Birne auf der Kulturinsel und der Erinnerungstafel für das Stahlwerk Phoenix Ost am nahen Seeufer eine Geschichtsachse bilden.

Viele Fragen sind noch offen

Auch mehr als 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs sind viele Fragen zum Thema Kriegsopfer noch nicht geklärt. Viele Familien in Russland und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion möchten etwas über das Schicksal ihrer Angehörigen wissen, die in Deutschland während des 2. Weltkriegs umgekommen sind. Dank neuer Kommunikationsmöglichkeiten gibt es die Möglichkeit weltweit zu kommunizieren. Über das Internet habe ich Kontakte zu meinen Landsleuten in der früheren Sowjetunion. So haben viele Familien mit mir Kontakt aufgenommen und mich um Hilfe gebeten. Sehr oft fragen sie als Erstes nach Fotos vom Grab unseres Vaters oder Großvaters. Um diesen Wunsch zu erfüllen, begann ich deshalb die Friedhöfe in Dortmund und Umgebung zu besichtigen.
Zuerst war ich schockiert über die große Zahl der Grabstätten von „Russen“. Fast jede kleine Kommune hat mindestens einen Friedhof mit Gräbern sowjetischer Bürger und Bürgerinnen. In Dortmund habe ich insgesamt 24 Friedhöfe gefunden, außerdem zwölf weitere in der Umgebung von Dortmund. Wie viele Opfer in Dortmund und Umgebung tatsächlich bestattet sind, ist bis heute nicht bekannt.

Diese Friedhöfe sind sehr unterschiedlich gestaltet. In schlimmsten Fall gibt es dort, wo sich die Gräber befinden, nur Rasenflächen, aber oft gibt es in den Friedhofsämtern noch Namenslisten. Es gibt Friedhöfe mit Gräberfeldern, auf denen Grabmale oder Grabsteine stehen. Viele Grabmale wurden gleich nach dem Krieg von Menschen aus der Sowjetunion errichtet, um an die ZwangsarbeiterInnen und Kriegsgefangenen, die in Deutschland umgekommen sind, zu erinnern. Diese Grabmale sind manchmal in einem schlechten Zustand. Auf anderen Friedhöfen wurden Grabsteine oder Grabmale von deutschen Friedhofsverwaltungen oder engagierten Bürgern errichtet. Dies geschah meistens mit Hilfe des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. Die Namen und Daten auf diesen Grabmalen sind häufig ohne Prüfung aus kommunalen Dokumenten übernommen worden. Leider wurden bei der Erstellung dieser Dokumente die Namen sehr oft falsch geschrieben und die falsche Schreibweise findet sich bis heute auch auf den Grabmalen wieder. Für die Pflege und Erhaltung von Ruhestätten sowjetischer Bürgerinnen und Bürger, die im 2. Weltkrieg in Westdeutschland als Kriegsgefangene oder ZwangsarbeiterInnen umgekommen sind, gibt es leider kein Gesamtkonzept. So geht jede Kommune mit diesen Grabstätten nach eigenen Vorstellungen um. Selbst wenn die Grabstätten hergerichtet werden, fehlen oft Kompetenz und Sprachkenntnisse, so dass die Schreibung der Namen bei einer Instandsetzung weiterhin fehlerhaft bleibt. Eine falsche Schreibweise der Namen ist für die Familien der Verstorbenen ein großes Problem, denn dadurch wird das Auffinden eines Angehörigen sehr erschwert, wenn nicht unmöglich.

Friedhof am Duloh in Hemer

Da sich in vielen kommunalen Archiven noch Listen mit den Namen der Verstorbenen und andere Dokumente befinden, habe ich dort für die Familien Nachforschungen angestellt. Bei der Suche bin ich aber zunächst auf große Schwierigkeiten gestoßen. Mir wurden anfangs alle Suchaktionen aus Datenschutzgründen untersagt, deshalb habe ich mit Gleichgesinnten den historischen Verein Ar.kod.M e.V. (Allrussische Kriegsopferdaten Memorial e.V.) gegründet. Das hat den Zugang zu den Archiven ermöglicht. Die Ergebnisse dieser Recherchen poste ich im Internet, um sie den Familien zur Verfügung zu stellen.

Bei mir ruft es unbeschreibliche Emotionen hervor, wenn Menschen bei der Suche nach ihren Familienangehörigen Erfolg hatten. Die Kontakte zu den Familien von Opfern sind mir sehr wertvoll. Es freut mich immer sehr, wenn Familien die Gräber ihrer Angehörigen in Westdeutschland durch meine Arbeit finden und sie besuchen können.

Wäre es möglich für alle Friedhöfe Nachforschungen anzustellen, könnten mehr Menschen ihre Familienangehörigen finden. Leider stoßen weiterführende Nachforschung bisweilen auf Ablehnung. Kommunen berufen sich stattdessen auf Namenslisten, die anhand von Dokumenten aus der Nazizeit aufgestellt wurden. Diese Dokumente geben aber nur zu oft Verfahrens- und Sichtweisen der Nazis wieder. Die Dokumente aus der Nazizeit bedürfen daher selbst einer kritischen Bewertung. Sowjetischen Kriegsgefangenen blieb beispielsweise nach ihrem Tode der Eintrag in das örtliche Standesregister versagt. Sie wurden, wenn sie in einem Stalag verstorben sind, als „Unbekannte“ bestattet. Die Lagerleitung teilte den Kommunen die Namen der Verstorbenen nicht mit, obwohl ihr die Identität dieser Menschen bekannt war. Die Registrierungsdokumente der verstorbenen Kriegsgefangenen wurde aber an die Wehrmachtsauskunftstelle (WASt) weitergeleitet.

Auch 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges sind Nachforschungen möglich. Heute stehen für Nachforschungen zahlreiche Archive zur Verfügung, in denen eine sehr große Zahl Dokumente lagern, die Aufschluss über die Identität der Verstorbenen geben können. So zeigen über 3 Mio. Dokumente von verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen im Gesamtarchiv des Verteidigungsministeriums der Russische Föderation (Общая База Данных – Мемориал OBD-Memorial) in Podolsk bei Moskau heute das Ausmaß der Verbrechen. Zu den Beständen gehören Dokumente aus der Kriegszeit und der Nachkriegszeit, u.a. Todeslisten, Arbeitshefte aus Betrieben, Arbeitskarten, Transportlisten und Überführungskarten sowie Namens- und Opferlisten, die im Auftrag der Alliierten nach Kriegsende angefertigt wurden. Alle diese Dokumente sind für Interessierte offen auf der Internetseite von „OBD-Memorial“ www.obd-memorial.ru zu sehen und sie ermöglichen heute neue Erkenntnisse durch Informationen, die nach dem Krieg nicht zugänglich waren. Mithilfe von Dokumenten der Roten Armee kann die falsche Schreibweise des Namens in vielen Fällen korrigiert werden. Der Zugang zu diesen Dokumenten macht es möglich fast vollständige Namenslisten von Kriegsopfern zu erstellen.
Die Resultate dieser Nachforschungen ergeben höhere und viel glaubwürdigere Zahlen von Opfern, die in einem verbrecherischen Krieg gestorben sind. Die Ergebnisse der Recherchen ermöglichen uns die Grabstätten, die bisher nur einfache, namenlose Rasenflächen sind, zu würdigen Ruhestätten für die Opfer umzugestalten.

Dmitriy Kostovarow

Deutsche Soldaten

Neben 28 Millionen sowjetische Kriegsopfern sind auch 8 Millionen Deutsche ums Leben gekommen. Das Schicksal vieler deutscher Gefallener ist ihren Familien nicht bekannt. Der Tod wurde zwar registriert, doch viele Familien wissen bis heute nicht, wo ihre Angehörigen gestorben sind und wo sie begraben wurden. Einige suchen nicht, weil sie das Vergangene vergessen wollen, andere wissen nicht, dass Nachforschungen möglich sind. Nach deutschem Recht darf nur die Familie eine Suche initiieren. Angehörige haben manchmal noch Dokumente und Briefe aus der Kriegszeit, aber sie wissen nicht wie sie mit der Suche beginnen sollen.
In der Anfrage eines älteren Herrn, die aus einem Ort bei Kiel kam, hieß es, dass seine Mutter das letzte Lebenszeichen seines Vaters von einem seiner Kameraden erhalten habe. Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft sei er zu seiner Mutter gekommen und habe über ein Treffen mit seinem Vater erzählt. Dieser sei zu damals sehr krank gewesen und befand sich in einem Lagerlazarett. Er habe noch Hoffnung gehabt wieder nach Hause zu kommen.
Es gab noch einige Briefe mit der Nummer des Lagers. Mit der Unterstützung von Ehrenamtlichen in Russland gelang es, Dokumente und Pläne von den Lagern in der betreffenden Region zu beschaffen und zu prüfen. Der Gesuchte war an den Folgen seiner Erkrankung, am 3.1.1946, im Lazarett des Lagers N 15, gestorben und wurde auf dem Friedhof des Stadt Prokopijewsk in Sibirien unter der Nummer 674 begraben. Leider existiert dieser Friedhof nicht mehr. Es ist unwahrscheinlich, dass der Sohn in seinem Alter nach Sibirien fährt, aber er hat jetzt Gewissheit.

In einem anderen Fall hatte eine Familie Briefe, wusste aber nicht wo ihr Angehöriger gefallen war. In einem Brief schrieb er „nach dem Urlaub in Frankreich fahren wir wieder an die Ost-Front nach Stalingrad“. Ein Brief hatte die Anschrift der 16. Panzer-Division und eine Feldpostnummer. Der Gesuchte war aber offenbar in der 6. Panz.Div., die von März bis November 1942 in Frankreich war. Weitere Recherchen zeigten, dass diese Division bei Stalingrad, im Ortsteil Tatarskaja, durch die sowjetischen Artillerie erhebliche Verluste erlitten hatte. Es ist unwahrscheinlich, dass in einem solchen Fall ein Grab existiert, aber den Ort, an dem ihr Angehöriger vermutlich gefallen ist, kennt die Familie jetzt.

Eine andere Familie hatte die Briefe eines Angehörigen und den Brief seines Hauptmanns mit der Todesnachricht. Sie fragten nach dem Krieg nicht danach, wo er beerdigt ist oder ob es überhaupt ein Grab gibt. Ein Schriftwechsel mit dem „Volksbund – Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.“ in Kassel, ergab, dass der Gesuchte bei Kriwoi Rog gefallen ist. Wegen der Situation in der Ukraine ist die Suche nach den Überresten und die Umbettung nach Deutschland nicht möglich. Der Gefallene wurde aber in das Ehrenbuch der Stadt Kirowograd eingetragen. Die Familie war froh über das Ergebnis der Suche, um das zu unterstreichen, sagten sie – „wenn alle Deutschen Informationen über solche Möglichkeit hätten, wüssten vielen Familien mehr über das Schicksal ihrer Angehörigen.“

Hückeswagen-wenn man mit Angehörigen spricht

Einen großen Teil meiner Tätigkeit nimmt die Begleitung von Familienangehörigen ein, die das Grab ihres Verwandten besuchen wollen. Die Menschen finden Information über Suchaktionen im Internet und kontaktieren den Autor oder Ehrenamtliche. Manche erfolgreiche Recherche endet mit dem verständlichen Wunsch das Grab zu besuchen.
Die Probleme, die die Familienangehörigen dann haben sind immer die gleichen: fehlende Deutschkenntnisse, Schwierigkeiten ein Hotel zu finden und mit öffentlichen Verkehrsmitteln an den Ort zu gelangen, an dem sich das Grab befindet. Meine Landesleute aus der ehemaligen Sowjetunion und ich bieten unsere Hilfe bei den Reisevorbereitungen und auf der Reise in Deutschland an, dazu nutzen wir unsere Netzwerke.
2014 hatte ich zum ersten Mal Kontakt mit Swetlana aus Moskau. Nach einer Diskussion im Internet über die richtige Schreibweise von Namen, hat sie ihren Großvater gefunden. Nach dem Krieg hat die Ehefrau des Verstorbenen, Swetlanas Großmutter, viele Jahre nach ihrem Mann gesucht und versucht etwas über sein Schicksal herauszufinden. Bevor Swetlanas Großmutter 2003 starb, versprach die Enkelin weiterzusuchen. Ihre Treue und Geduld wurde belohnt. Sie hat im Internet Informationen über das Grab ihres Großvaters gefunden. Wie immer war die erste Frage, die nach einem Foto der Grabstätte.
Der Friedhof, auf dem Swetlanas Großvater begraben ist, hat eine idyllische Lage, er ist in gutem Zustand. Es handelt sich um einen Friedhof, der sich auf einem privaten Grundstück befindet, der Friedhof wird regelmäßig gepflegt. Auf dem Friedhof sind 44 umfriedete Einzelgräber. Auf jedem Grab war damals ein Stein mit der Grabnummer. Am Eingang des Friedhofs steht eine Friedenskapelle, zweimal täglich läuten die Glocken. Dieser Ort ist bei den Menschen in Hückeswagen sehr beliebt. In den vergangenen Jahren haben viele Veranstaltungen und Gottesdienste in der Friedenskapelle stattgefunden. Einmal in Jahr legt der Bürgermeister einen Kranz nieder und viele Bürgerinnen und Bürgern nehmen an der Kranzniederlegung teil.
Auf dem Friedhof befindet sich ein Felsblock mit einer zweisprachigen Namensliste. Leider sind viele Namen falsch geschrieben. Der örtliche Geschichtsverein und der Eigentümer des Grundstücks, der Mitglied dieses Vereins ist, haben bei ihren Nachforschungen die Namen aus verfügbaren Dokumenten abgeschrieben. Sie hatten als einziges Dokument eine Liste, die nach dem Krieg von der Kommune für die britische Kommission erstellt wurde.

Swetlana war es als Erster der 44 Familien geglückt den richtige Namen und das Grab ihres Großvaters zu finden. Die ganze Familie hatte entschieden eine Grabplatte auf dem Grab aufzustellen. Die Reisevorbereitungen, das Visum, das Buchen des Hotels und der Flüge haben uns viel Zeit und Nerven gekostet, aber eines Tages war es soweit und Swetlana kam in Düsseldorf an. Wenn jemand mit zahlreichen Kränzen und einer übergewichtigen Marmorplatte zur Zollkontrolle kommt, gibt es immer viele Fragen. Aber alle Fragen sind unwichtig, wenn die Zollbeamten die Kopie der Personalkarte 1 eines Kriegsopfers sehen. Für das Übergewicht der Marmorplatte musste Swetlana dennoch zusätzliche Frachtgebühren zahlen. Nach einer kurzen Begrüßung sind wir zum Grab des Großvaters gefahren. Am gleichen Tag haben wir zusammen die Platte auf dem Grab Nummer 1 aufgestellt. Dieser Abend war sehr emotional und tränenreich. Die ganze Woche über haben wir die 44 Grabumrandungen von Moos und Grün gereinigt. Die Leute aus dem Ort haben uns dabei unterstützt. Der Eigentümer war sehr warmherzig und hat sich an die Presse gewandt, die über Swetlanas Besuch berichtet hat. In der kleine Stadt Hückeswagen, die nur 16.000 Einwohner hat, leben fast 2000 Bürgerinnen und Bürger aus der ehemaligen Sowjetunion, die durch Swetlanas Besuch von dem Friedhof und den Gräbern erfahren haben.
Als Swetlana, nach ihrem Urlaub, wieder nach Moskau geflogen ist, haben wir uns auf dem Flughafen versprochen, alle Namen der Verstorbenen für die Familien ausfindig zu machen. Aus Moskau hat Swetlana unsere Suchaktion weiter betrieben. In kurzer Zeit haben wir für fast alle Namen die richtigen Schreibweise gefunden und die Namen um den Vaternamen ergänzt und diese dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. und der russischem Botschaft mitgeteilt. Von Moskau aus hat meine Bekannte die Familie des Verstorbenen in Grab 3 in Russland gefunden und kurz danach die Familie für das Grab Nummer 8. Geplant war nun auf weiteren Gräbern Grabplatten aufzustellen. Da sich der Abstimmungsprozess zwischen den Beteiligten hinzog, hat Swetlana die Platten für die ersten drei Gräber aus eigener Tasche bezahlt und mich um Hilfe gebeten. Aus ästhetischen Gründen sollte zwischen dem 1. und 3. Grab keine Lücke sein und auf den ersten 3 Gräbern Platten aus Marmor aufgestellt werden. Ich musste die günstigste Lösung finden. Swetlana hatte Kontakt mit der Familie aufgenommen, dessen Angehöriger in Grab 2 beerdigt ist. Diese Familie stellte nun eigene Recherchen an. Eine Urenkelin hat sogar über ihren Urgroßvater und sein Schicksal in Deutschland ein Referat in ihrer Schule gehalten. So habe ich erfahren, dass der Kriegsgefangene von Grab 2 zusammen mit meinem Großvater, im Jahr 1937, bei Dynamo Kiew Fußball gespielt hat.

2016 haben der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. und die Botschaft der Russische Föderation ein Projekt begonnen. Auf allen Gräbern sollten Grabplatten mit den Namen der Verstorbenen aufgestellt werden. Nach meinen Recherchen wurde eine Namensliste mit den vollständigen Namen in kyrillischer Schrift und den Grabnummern angefertigt. Ein Steinmetz aus Dorsten, mit Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion,

hat auf seinen Arbeitslohn verzichtet und nur das Material berechnet. Die ganze Umgestaltung des Friedhofs wurde von Freiwilligen durchgeführt. Swetlana hat noch einige Male ihren Urlaub im Hückeswagen verbracht. Bei der Reinigung und Instandhaltung der Gräber hat sie viele Freunde und Bekannte gefunden.

Auch die Mitglieder des Vereins „Kreisgeschichte“ haben großes Interesse an der Neugestaltung des Friedhofs gezeigt und mir weitere Informationen gegeben. Ich habe herausgefunden, dass auf dem kommunalen Friedhof in Hückeswagen, am Rand des Friedhofs, das Feld F existierte. Auf diesem Feld lag eine Platte mit der Inschrift „Hier ruhen 10 Russen, 1 Belgier, 1 Pole und 1 unbekannte Nationalität“, ohne Namen, ohne Grabreihe. Das war für mich Anlass genug für neue Recherchen. Ich begann meine Suche im Archiv in Remscheid und parallel bei OBD-Memorial. Dort fand ich 10 Namen von Kriegsgefangenen und ZwangsarbeiterInnen mit Sterbedatum und Grabnummer. Die Grabnummern gehen mit Lücken von 211 bis 224. In Remscheid war noch ein weiteres Dokument mit dem Namen eines Jungen, der in Hückeswagen gestorben ist. Das Datum passte genau zu einer Lücke in den laufenden Grabnummern. Ich bin davon ausgegangen, dass es sich um den Namen des „Unbekannten“ handelt. Für einige Gestorbene habe ich die Personalkarte 1 gefunden und konnte daher für diese Opfer den Namen noch um den Vatername ergänzen. Aufgrund dieser Ergebnisse wurde ein weiteres Projekt des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. und der Botschaft der Russische Föderation begonnen. Heute gibt es auf Feld F des kommunalen Friedhofs in Hückeswagen zwei Platten mit elf Namen in lateinischer und kyrillischer Schrift.
So hat die Anfrage von Swetlana auch zu einer vollständigen Namenslisten von Kriegsopfern in einem kleinen Ort im Bergischem Land geführt.