„Geschichtsachse“ oder „Konzertflügel im Busch“

In Russland gibt es ein geflügeltes Wort „Rojal w Kustach“, „der Konzertflügel im Gebüsch“, ein- bis zweimal im Jahr wird er für ein feierliches Konzert hervorgeholt, den Rest des Jahres ist er im Gebüsch vergessen. Es besteht die Gefahr, dass das geplante Zwangsarbeiter*innen-Denkmal, das demnächst auf der Kulturinsel im Phönix-See errichtet werden soll, ein ähnliches Schicksal erleiden könnte.

Im Frühjahr 2019 fasste der Rat der Stadt Dortmund endlich einen Beschluss: das Zwangsarbeiter*innen Denkmal soll auf der Kulturinsel im Hörder Phönix-See errichtet werden. Bis zu diesem Beschluss war es ein langer Weg. Von Dortmunder Bürger*innen wird seit vielen Jahren ein Ort gefordert, der an die Menschen, die in Dortmund Zwangsarbeit leisten mussten, erinnert. Vereine und Initiativen in Dortmund setzen sich seit Jahren für die Errichtung einer solchen Gedenkstätte ein. Immerhin gab es für ein Zwangsarbeiter*innen-Denkmal einen Wettbewerb am Fachbereich Architektur der FH Dortmund und eine glückliche Gewinnerin. Doch der prämierte Entwurf landete fürs erste in der Schublade. Nachdem die Entscheidung für die Errichtung des Denkmals gefallen war, musste die Gewinnerin des Wettbewerbs erst noch ausfindig gemacht werden, denn sie hatte inzwischen ihr Studium abgeschlossen und Dortmund verlassen. Da nun die Urheberfragen geklärt waren, hätte dem Bau des Denkmals nichts mehr im Wege gestanden. Am südlichen Ufer des Phönix-Sees wurde ein Platz gefunden, doch dann kamen Einsprüche von Anwohner*innen, die den tagtäglichen Anblick eines solchen Denkmals als Zumutung empfanden. Nach dem Ratsbeschluss im Frühjahr 2019 schließlich hätte der Errichtung des Denkmals nichts mehr im Weg gestanden, zumal auch die Finanzierung gesichert ist. Es fehlen nur noch die erforderlichen Baugrunduntersuchungen. Doch nicht nur der sich ständig verzögernde Baubeginn, sondern auch der Standort auf der Kulturinsel gibt Anlass zu Fragen und Kritik.

Geplanter Standort des Zwangsarbeiter*innen Denkmal auf der Kulturinsel. Der Pfeil zeigt den von uns vorgeschlagenen Standort

Wie zu erfahren war, soll der derzeit angedacht Standort auf Wunsch der Stadtspitze gewählt worden sein. Unglücklicherweise wird das Denkmal dort durch Bäume und Elektroverteiler verdeckt. Dieser eher abgelegene Platz auf der Kulturinsel dient den Besucher*innen heute für allerlei Zwecke. Er wird als Hundewiese genutzt, und da der Ort schlecht beleuchtet ist, wird er nachts für private Partys und anderes benutzt. Grund für die Standortwahl sei auch die Zurückgezogenheit des Ortes, doch nur sehr wenig spricht für einen solchen Standort für ein Denkmals, das an die Zwangsarbeit in Dortmund erinnern soll. Es steht dort versteckt hinter Infrastruktureinrichtungen und Bäumen und ist vom einzigen Zugang zur Kulturinsel nur eingeschränkt einsehbar. Die Rasenfläche hinter dem Denkmal könnte zukünftig verstärkt zu privaten Partys einladen und sogar das Denkmal selbst könnte Ort nächtlicher Vergnügungen werden. Die Lage birgt zudem die erhöhte Gefahr von Vandalismus. Dieser Ort ist schwerlich ein Erinnerungsort, der den Menschen das Schicksal von tausenden Zivilarbeiter*innen und Kriegsgefangenen, die in Dortmund Zwangsarbeit leisten mussten, näher bringt.

Warum erhält ein solches Denkmal keinen exponierten Platz auf der Kulturinsel? Soll es wie der „Konzertflügel im Busch“ ein oder zweimal im Jahr als Kulisse für Gedenkfeiern dienen, statt als Teil einer Geschichtsachse für die Dortmunder Bürger*innen ein sichtbarer Erinnerungsort an die bisher leider nur teilweise aufgearbeitet Geschichte der Zwangsarbeit in Dortmund zu sein. Die Belegschaften vieler Dortmunder Betriebe und Zechen bestanden während des 2. Weltkrieges zu fast 50 % aus Zwangsarbeiter*innen. Alleine Hoesch hatte nach eigenen Angaben, aus dem Jahr 1946 gegenüber der Britischen Militärverwaltung, mehr als 13 500 Arbeitskarten von sowjetischen Zwangsarbeiter*innen.

Denkmal: Zwei Brammen aus einer der letzten Hörder Schmelzen, im Hintergrund die Kulturinsel mit der Thomas-Birne


Das Denkmal auf der Kulturinsel muss zu einem Erinnerungsort werden und zusammen mit der Thomas-Birne auf der Kulturinsel und der Erinnerungstafel für das Stahlwerk Phoenix Ost am nahen Seeufer eine Geschichtsachse bilden.

Schwarze Löcher, weiße Flecken

Das Ende des 2. Weltkrieg in Europa am 8/9. Mai und der Sieg über den Nationalsozialismus war auch ein Neuanfang in Europa. Wie aber ist es heute um Europa bestellt? 75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs zeigen Reden und Taten von Politiker*innen in Europa eine große Unversöhnlichkeit.
Im Jahr 1945 kapitulierte Nazideutschland. Die 50ziger und 60ziger waren eine Zeit des Schweigens und Verschweigens. Dieser Zeit folgte in den 70ziger und 80ziger Jahren eine Zeit der Diskussion und der Aufarbeitung. Die Kommunen gingen damit jedoch sehr unterschiedliche um. Die Dortmunder Stadtgesellschaft gedenkt in jedem Jahr in zahlreichen Veranstaltungen den Opfern der Naziherrschaft und erinnert an den Widerstand mutiger Menschen. Nur wenig Aufmerksamkeit in der Erinnerungsarbeit in Dortmund finden dagegen die zigtausenden Menschen, die in Dortmund Zwangsarbeit leisten mussten und das Stalag VI D an der Westfalenhalle, in dem von 1939 bis 1945 zigtausende Kriegsgefangene waren. Zwar erinnert ein Gedenkstein an das Stalag VI D, dennoch gibt es in der Stadtgesellschaft kaum Erinnerungen an das Lager an der Westfalenhalle.

Gedenkstein an der Westfalenhalle in Dortmund

Was sind die Gründe dafür? Sucht man in den Städten des Ruhrgebiet und des Rheinlands nach Dokumenten aus der Kriegs- und Nachkriegszeit über „sowjetische Kriegsopfer“, fällt auf, dass es zahlreiche Originaldokumente, Todeslisten, Grabpläne, Akten von Exhumierungen und Umbettungen gibt. Diese Dokumente liegen u.a. in örtlichen oder regionalen Archiven, aber auch beim Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution. Es handelt es sich hier oft um Unterlagen der Wehrmachtsauskunftstelle (WAST). Fotografien und Berichte vom Zeitzeugen sind in Büchern und Ausstellungskatalogen zu sehen und in Foto- und Kinoarchiven (z.b. Holocaust-Spielberg Sammlung, Washington). Die Dokumentenlage für Dortmund ist jedoch sehr spärlich. Tatsächlich hat die Stadt Dortmund im Bombenhagel große Schäden erlitten, aber das gilt auch für andere Städte in Westdeutschland, die dennoch über zahlreich Dokumente, z.B. Listen mit Namen von Kriegsopfer, verfügen.

Auf der Website der Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution zeigt die interaktive Karte mit Standorten von Dokumentenbeständen für Dortmund keine einzige Informationsquelle. Andererseits haben unsere weiteren Nachforschungen bei den Arolsen Archives ergeben, dass dort Dokumente liegen, die in Dortmund erstellt wurden, im Stadtarchiv Dortmund von uns bisher aber nicht aufgefunden werden konnten. Auch über das Stalag VI D, das bis zu seiner Bombardierung im März 1945 betrieben wurde, gibt es in Dortmund nur sehr geringe Dokumentenbeständen. Dokumente und Beweise, die Aufschluss über das Stalag VI D geben könnten, wurden befehlsmäßig vernichtet oder „durch die Bombardierungen zerstört“. Zeitzeugnisse, Papiere, Fotos, Unterlagen der Verwaltung sind gewissermaßen in einem schwarzen Loch verschwunden.

Im Stalag VI K in Stukenbrock und im Stalag VI A in Hemer, die beide etwa die Größe des StalagsVI D in Dortmund hatten, wurden nach ihrer Befreiung eine sehr große Anzahl Fotos aufgenommen und zahlreiche Filme gedreht. Für Dortmund gibt es lediglich 3 Fotos aus dem Psychiatrischen Klinikum in Aplerbeck und ein Kurzfilm über Aplerbeck, der 1 Minute 28 Sekunden lang ist und auf dem höchstwahrscheinlich auch die Exhumierungen in Warstein zusehen sind. Nach der Bombardierung des Stalag VI D befanden sich auf dem Dortmunder Stadtgebiet, auf Werks- und Zechengeländen und in Privatgebäuden, viele Lager und Arbeitskommandos, die zu einem großen Teil dem Stalag VI D unterstellt waren. Im Januar 1945 lebten mehr als 43000 ausländische Arbeitskräfte, darunter 15.000 Kriegsgefangene, in Dortmund. Auch wenn das Stalag in Dortmund durch Bombenangriffe schwerbeschädigt war, lebten in den Lagern der zahlreichen Arbeitskommandos, bis zum Einmarsch der Amerikaner Anfang April 1945, noch tausende Menschen. Es ist schwer vorstellbar, dass es keinerlei Fotos und Filmdokumente von der Befreiung dieser Lager geben soll. Zudem fehlen Dokumente über den Verbleib dieser Menschen nach ihrer Befreiung und über ihre Rückführung fast gänzlich.Nach offiziell amerikanischen Angaben wurden in Dortmund 4038 sowjetische Bürger befreit.

Während es sowohl über das Stalag VI K in Stukenbrock als auch das Stalag VI A in Hemer umfangreiche Veröffentlichungen gibt, sucht man eine solche für das Stalag VI D in Dortmund bisher vergeblich. Bürgerschaftliches Engagement, eine wissenschaftliche Aufarbeitung und die Errichtung von Gedenkstätten vor Ort haben dazu beigetragen, dass die Lager in Stukenbrock und Hemer nicht in Vergessenheit geraten konnten. Zwar wurde auf dem Gelände des Stalag VI D in Dortmund ein Gedenkstein erreichtet, eine stadtgeschichtliche Aufarbeitung fand aber bisher nicht statt. Noch immer fehlt eine Gedenkstätte auf dem Gelände der Westfalenhalle. Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Dortmund in Bezug auf die Kriegsopfer, insbesondere auf die Kriegsgefangene aus der Sowjetunion, und auf das Stalag VI D, ist bisher nicht geschehen und so weist die Erinnerungskultur in Dortmund, auch mehr als 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs, noch viele weißen Flecken auf.

Erklärung zum Volkstrauertag 2019

Nur wer sich daran erinnert, was gestern war, erkennt, was heute ist

Der Volkstrauertag ist heute ein Tag der Mahnung zu Versöhnung, Verständigung und Frieden.

Wir wollen zum Volkstrauertag an die Menschen erinnern, die während des 2. Weltkriegs in Dortmunder Betrieben, Stahlwerken und Zechen als Kriegsgefangene und Zivilarbeiter*innen Zwangsarbeit leisten mussten. Wie groß die Zahl der Menschen war, zeigt alleine schon der Umstand, dass auf den Dortmunder Zechen die Belegschaft zu fast 50 % aus Kriegsgefangenen und Zivilarbeitern bestand. Besonders hart war das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen. Viele Menschen, die Zwangsarbeit leisten mussten, überlebten das nicht. Sie sind an den harten Arbeitsbedingungen und an der fehlenden Versorgung gestorben. Viele wurden auf dem Friedhof am Rennweg anonym begraben. Ihren Angehörigen ist das Schicksal der Verstorbenen oft bis heute nicht bekannt.

Der Internationale Friedhof hat heute einen parkähnlichen Charakter. Die Grabstätten, insbesondere die der Verstorben aus der Sowjetunion, die den weitaus größten Teil ausmachen, sind nicht mehr als Gräber erkennbar. Auf den Grabfeldern erinnern nur noch Obelisken allgemein an die Verstorbenen. Besucher*innen des Internationalen Friedhof können nicht erkennen, dass die Rasenflächen in Wirklichkeit Grabfelder sind. Die Verstorbenen scheinen vergessen zu sein. Durch sehr umfangreiche Recherchen ist es aber gelungen die Namen der anonym begrabenen Menschen zu ermitteln, so dass fast 4500 Namen inzwischen bekannt sind.

Ar.kod.M e.V. erinnert an sowjetische Kriegsopfer, die auf dem Internationalen Friedhof am Rennweg in Dortmund begraben sind.

Die Stadt Dortmund plant dankenswerterweise nun, gemeinsam mit den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., dem Büro für Erinnerungsarbeit der Botschaft der Russischen Föderation und der Bezirksregierung in Arnsberg, die Neugestaltung dieses Teils des Internationalen Friedhofs. Die Pläne dazu liegen seit einiger Zeit vor. Auf den Grabfeldern, auf denen Kriegsgefangene und Zivilarbeiter*innen aus der Sowjetunion beisetzt sind sollen 58 Stelen mit den Namen der Verstorbenen aufgestellt werden. Leider macht das Projekt derzeit keine erkennbaren Fortschritte, ebenso wie die Errichtung des Denkmals auf der Kulturinsel im Phönixsee, das an die Menschen, die Zwangsarbeit in Dortmund leisten mussten, erinnern soll. Der Volkstrauertag ist für uns Anlass an die Zivilarbeiter*innen und Kriegsgefangenen, die in Dortmund lebten, arbeiten und starben, zu erinnern. Wünschenswert ist deshalb für uns, dass die beiden Projekte nun zeitnah umgesetzt werden und dadurch Erinnerungsorte in Dortmund geschaffen werden, „denn nur wer sich daran erinnert, was gestern gewesen ist, erkennt auch, was heute ist und vermag zu überschauen, was morgen sein kann“. (Zitat Willi Brandt)

Viele Fragen sind noch offen

Auch mehr als 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs sind viele Fragen zum Thema Kriegsopfer noch nicht geklärt. Viele Familien in Russland und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion möchten etwas über das Schicksal ihrer Angehörigen wissen, die in Deutschland während des 2. Weltkriegs umgekommen sind. Dank neuer Kommunikationsmöglichkeiten gibt es die Möglichkeit weltweit zu kommunizieren. Über das Internet habe ich Kontakte zu meinen Landsleuten in der früheren Sowjetunion. So haben viele Familien mit mir Kontakt aufgenommen und mich um Hilfe gebeten. Sehr oft fragen sie als Erstes nach Fotos vom Grab unseres Vaters oder Großvaters. Um diesen Wunsch zu erfüllen, begann ich deshalb die Friedhöfe in Dortmund und Umgebung zu besichtigen.
Zuerst war ich schockiert über die große Zahl der Grabstätten von „Russen“. Fast jede kleine Kommune hat mindestens einen Friedhof mit Gräbern sowjetischer Bürger und Bürgerinnen. In Dortmund habe ich insgesamt 24 Friedhöfe gefunden, außerdem zwölf weitere in der Umgebung von Dortmund. Wie viele Opfer in Dortmund und Umgebung tatsächlich bestattet sind, ist bis heute nicht bekannt.

Diese Friedhöfe sind sehr unterschiedlich gestaltet. In schlimmsten Fall gibt es dort, wo sich die Gräber befinden, nur Rasenflächen, aber oft gibt es in den Friedhofsämtern noch Namenslisten. Es gibt Friedhöfe mit Gräberfeldern, auf denen Grabmale oder Grabsteine stehen. Viele Grabmale wurden gleich nach dem Krieg von Menschen aus der Sowjetunion errichtet, um an die ZwangsarbeiterInnen und Kriegsgefangenen, die in Deutschland umgekommen sind, zu erinnern. Diese Grabmale sind manchmal in einem schlechten Zustand. Auf anderen Friedhöfen wurden Grabsteine oder Grabmale von deutschen Friedhofsverwaltungen oder engagierten Bürgern errichtet. Dies geschah meistens mit Hilfe des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. Die Namen und Daten auf diesen Grabmalen sind häufig ohne Prüfung aus kommunalen Dokumenten übernommen worden. Leider wurden bei der Erstellung dieser Dokumente die Namen sehr oft falsch geschrieben und die falsche Schreibweise findet sich bis heute auch auf den Grabmalen wieder. Für die Pflege und Erhaltung von Ruhestätten sowjetischer Bürgerinnen und Bürger, die im 2. Weltkrieg in Westdeutschland als Kriegsgefangene oder ZwangsarbeiterInnen umgekommen sind, gibt es leider kein Gesamtkonzept. So geht jede Kommune mit diesen Grabstätten nach eigenen Vorstellungen um. Selbst wenn die Grabstätten hergerichtet werden, fehlen oft Kompetenz und Sprachkenntnisse, so dass die Schreibung der Namen bei einer Instandsetzung weiterhin fehlerhaft bleibt. Eine falsche Schreibweise der Namen ist für die Familien der Verstorbenen ein großes Problem, denn dadurch wird das Auffinden eines Angehörigen sehr erschwert, wenn nicht unmöglich.

Friedhof am Duloh in Hemer

Da sich in vielen kommunalen Archiven noch Listen mit den Namen der Verstorbenen und andere Dokumente befinden, habe ich dort für die Familien Nachforschungen angestellt. Bei der Suche bin ich aber zunächst auf große Schwierigkeiten gestoßen. Mir wurden anfangs alle Suchaktionen aus Datenschutzgründen untersagt, deshalb habe ich mit Gleichgesinnten den historischen Verein Ar.kod.M e.V. (Allrussische Kriegsopferdaten Memorial e.V.) gegründet. Das hat den Zugang zu den Archiven ermöglicht. Die Ergebnisse dieser Recherchen poste ich im Internet, um sie den Familien zur Verfügung zu stellen.

Bei mir ruft es unbeschreibliche Emotionen hervor, wenn Menschen bei der Suche nach ihren Familienangehörigen Erfolg hatten. Die Kontakte zu den Familien von Opfern sind mir sehr wertvoll. Es freut mich immer sehr, wenn Familien die Gräber ihrer Angehörigen in Westdeutschland durch meine Arbeit finden und sie besuchen können.

Wäre es möglich für alle Friedhöfe Nachforschungen anzustellen, könnten mehr Menschen ihre Familienangehörigen finden. Leider stoßen weiterführende Nachforschung bisweilen auf Ablehnung. Kommunen berufen sich stattdessen auf Namenslisten, die anhand von Dokumenten aus der Nazizeit aufgestellt wurden. Diese Dokumente geben aber nur zu oft Verfahrens- und Sichtweisen der Nazis wieder. Die Dokumente aus der Nazizeit bedürfen daher selbst einer kritischen Bewertung. Sowjetischen Kriegsgefangenen blieb beispielsweise nach ihrem Tode der Eintrag in das örtliche Standesregister versagt. Sie wurden, wenn sie in einem Stalag verstorben sind, als „Unbekannte“ bestattet. Die Lagerleitung teilte den Kommunen die Namen der Verstorbenen nicht mit, obwohl ihr die Identität dieser Menschen bekannt war. Die Registrierungsdokumente der verstorbenen Kriegsgefangenen wurde aber an die Wehrmachtsauskunftstelle (WASt) weitergeleitet.

Auch 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges sind Nachforschungen möglich. Heute stehen für Nachforschungen zahlreiche Archive zur Verfügung, in denen eine sehr große Zahl Dokumente lagern, die Aufschluss über die Identität der Verstorbenen geben können. So zeigen über 3 Mio. Dokumente von verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen im Gesamtarchiv des Verteidigungsministeriums der Russische Föderation (Общая База Данных – Мемориал OBD-Memorial) in Podolsk bei Moskau heute das Ausmaß der Verbrechen. Zu den Beständen gehören Dokumente aus der Kriegszeit und der Nachkriegszeit, u.a. Todeslisten, Arbeitshefte aus Betrieben, Arbeitskarten, Transportlisten und Überführungskarten sowie Namens- und Opferlisten, die im Auftrag der Alliierten nach Kriegsende angefertigt wurden. Alle diese Dokumente sind für Interessierte offen auf der Internetseite von „OBD-Memorial“ www.obd-memorial.ru zu sehen und sie ermöglichen heute neue Erkenntnisse durch Informationen, die nach dem Krieg nicht zugänglich waren. Mithilfe von Dokumenten der Roten Armee kann die falsche Schreibweise des Namens in vielen Fällen korrigiert werden. Der Zugang zu diesen Dokumenten macht es möglich fast vollständige Namenslisten von Kriegsopfern zu erstellen.
Die Resultate dieser Nachforschungen ergeben höhere und viel glaubwürdigere Zahlen von Opfern, die in einem verbrecherischen Krieg gestorben sind. Die Ergebnisse der Recherchen ermöglichen uns die Grabstätten, die bisher nur einfache, namenlose Rasenflächen sind, zu würdigen Ruhestätten für die Opfer umzugestalten.

Dmitriy Kostovarow

Über das Schicksal

Eine Familie Russlanddeutscher lebt schon lange in Deutschland. Der jüngere Sohn wohnt mit seiner Mutter in Leipzig und der ältere Sohn studiert in Bremen. Die Familien der jungen Männer stammten aus dem tiefsten Sibirien, einem fast unbewohnten Gebiet. Sowohl die Familie mütterlicherseits als auch die Familie väterlicherseits lebte dort lange Zeit und, wie für alle Familien in Russland, hat der Krieg auch bei ihnen seine Spuren hinterlassen. Als erwachsene Männer wollten die Brüder etwas über das Schicksal ihrer vermissten Großväter zu erfahren. In der Namensliste des Hauptfriedhofs Dortmund haben sie den Name des Großvaters mütterlicherseits gefunden. Mit Hilfe von Dokumenten aus dem Gefangenenlager konnten die beiden den Weg ihres Großvaters in der Kriegsgefangenschaft verfolgen. Nikolaj Nikiforowitsch Washenin ist im Jahr 1941 im Lager 366 mit EM 11249 als Gefangenen registriert worden und kam über zahlreiche Arbeitslager nach Dortmund. Dort ist er verstorben und wurde am 3.04.1944 auf dem Hauptfriedhof im Grab 4018, Feld 7 begraben.

Stele auf dem Internationalen Friedhof in Dortmund

Aber wie groß war der Schock, als die Brüder auch den Name des Großvaters väterlicherseits fanden. Sergei Egorowitsch Wetrow ist im Jahr 1943 in Kriegsgefangenschaft geraten und wurde im Lager 326 mit der Nummer EM 15525 registriert. Auch er wurde zum Arbeitseinsatz nach Dortmund gebracht. Er überlebte etwas länger in einem Arbeitskommando. Am 9.10.1944 starb er und wurde auf dem Hauptfriedhof im Grab 8178 auf Feld 8 begraben.
Die Enkel sind nach Dortmund gefahren und haben auf den Gräbern ihrer Großväter Blumen niedergelegt

Derne – Unbekannte erhalten ihre Namen zurück

Im Stadtarchiv Dortmund existieren über die Dortmunder Friedhöfe, auf denen Kriegsgefangene und ZwangsarbeiterInnen beigesetzt sind, zahlreiche Dokumente aus der Nachkriegszeit. Das Stadtarchiv besitzt Skizzen, die von der Friedhofsverwaltung nach Aufforderung der Britischen Kommission in den Jahren 1946 bis 1951 angefertigt wurden, darunter auch eine Skizze des katholischen Friedhofs in Derne. 1946 wurden 14 Grabstellen ohne Angabe der Lage angegeben. 1948 jedoch zeigte eine Skizze für Feld 26 elf nebeneinanderliegende Gräber. In den Unterlagen des Stadtarchivs ist für diese Zeit jedoch kein Exhumierungsprotokoll für sowjetische Bürger zugänglich, das diese Veränderungen erklären könnte. Ein Besuch auf dem Friedhof sollte daher weitere Klarheit bringen. Das Feld mit den Gräbern befand sich am Rande des Friedhofs, ein abgegrenztes Viereck mit winterharten Pflanzen und ein paar Büschen. In der Mitte stand eine Säule mit der Inschrift: „Hier ruhen 11 unbekannte sowjetische Bürger“. Die Recherchen ergaben, dass die Säule zwischen 1970-75 errichtet wurde.

Waren die Verstorbenen tatsächlich „unbekannt“ und wie viele Menschen wurden hier wirklich begraben? Erste Nachforschungen bei OBD-Memorial ergaben einen Namen. Die Arbeitskarte des Kriegsgefangenen, Schjuss Petr, hatte den Vermerk – gestorben 20.09.1942, in Derne, auf Zeche Gneisenau. Das bedeutete, es existieren noch Dokumente für diesen Ort. Weitere Nachforschungen bei OBD-Memorial haben weitere 11 Personalkarten 1 von verstorbenen Kriegsgefangenen, die in Derne begraben sind, ergeben.

Nr. Name Sterbedatum Grab Quelle
1 Schjuss, Petr 20.09.1942   OBD
2 Bogatirew, Iwan 07.01.1943 50 OBD,
Kirchenbuch
3 Aschichmin, Ilija 28.01.1943 56 OBD
4 Brikow, Alexandr 05.02.1943 57 OBD
5 Kondrakow, Egor 14.03.1943 68 OBD
6 Ewdochimow, Wladimir 26.03.1943 72 OBD
7 Martinow, Iwan 25.04.1943 73 OBD
8 Dormidontow,
Wasili
24.05.1943 78 OBD
9 Karpenko, Pawel 24.05.1943 79 OBD
10 Riabucha, Riotr 06.06.1943 85 OBD
11 Buschuew, Witalie 15.06.1943 87 OBD
12 Gusew, Wasili 07.08.1943 91 OBD

Die meisten Personalkarten 1 tragen Stempel mit dem Vermerk „begraben Kath. Friedhof- Derne, Feld 26, Grab Nr. 50“ (im Frühjahr 1943) bis „begraben Kath. Friedhof- Derne, Feld 26, Grab Nr. 91“ im August 1943. Alle Personalkarten 1 geben eine Todesursache an. „Tuberkulose“, „auf der Flucht erschossen“, „Genickbruch“, „Tod nach Verbrennungen“ sind am häufigsten genannt. Die Vermerke auf den Karten besagen also, dass von Januar bis August 1943 verstorbene sowjetische Kriegsgefangene auf Feld 26 von Grab 50 bis Grab 91 beigesetzt wurden.
Aber war das Grab Nummer 91 tatsächlich das letzte auf diesem Gräberfeld? War das Grab Nummer 50 das erste für sowjetische Kriegsgefangene? Weitere Recherchen in Archiven von Dortmunder Krankenhäusern und der katholische Gemeinde St. Aloisius haben gezeigt, dass Bestattungen bis zum Ende des Krieges durchgeführt wurden. Mit Unterstützung des Katholischen Pfarrers in Derne konnten noch neun weitere „Russen“ gefunden, darunter vier Kinder.

N Name Sterbe-
datum
Sterbe-
urkunde
Weitere Quelle
1 Maximowa, Wita 01.05.1944 85/44 Kirchenbuch
2 Kolow, Paul 20.05.1944 93/44 Kirchenbuch
3 Lenitschewa, Nelli 23.02.1945 99/45 Kirchenbuch
4 Lenitschew, Viktor 04.03.1945 115/45 Kirchenbuch
5 Kabanow, Wasili 23.05.1945   Kirchenbuch
6 Tschewjakowski,
Apolonia
12.03.1944 56/44
7 Kowalenko, Iwan 10.03.1945 131/45
8 Kolodziejczuk, Michael 22.04.1945 266/45
9 Unbekannter Russe 19.05.1943 199/43

Zwei Stelen zeigen heute 22 Namen, 21 sowjetischen BürgerIinnen und einen Franzose.

Die beiden Stelen wurden durch den Bezirksbürgermeister von Scharnhorst eingeweiht. An der Gedenkfeier nahmen Vertreter der katholischen und der evangelischen Kirche und der Botschaft der Russischen Föderation, Kinder der russischen Schule und zahlreiche Gäste aus Derne teil.

Aufgrund der geposteten Liste haben drei Familien ihre Angehörige gefunden. Die Familien Aschichmin, Rjabucha und Schjuss haben um Fotos gebeten und darum, Blumen vor den Stelen niederzulegen.

Erinnerungsorte in Remscheid

Während des Krieges herrschte Arbeitskräftemangel, deshalb wurden hunderttausende Kriegsgefangene nach Deutschland gebracht. Viele Kriegsgefangene kamen ins Rheinland und nach Westfalen zum Arbeitseinsatz. Der Weg in den Westen des Deutschen Reichs dauerte oft tage- und wochenlang. Nicht nur große Betriebe, sondern auch private Haushalte, landwirtschaftliche Betriebe und Handwerksbetriebe konnten Arbeitskräfte bekommen. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Lagern und Arbeitskommandos waren so hart, dass viele Kriegsgefangene krank wurden und starben.

Wahrscheinlich gibt es nur wenige Gemeinden in Westdeutschland, auf deren Friedhöfen keine Gräber von Kriegsgefangenen und ZwangsarbeiterInnen zu finden sind. Eine Ausnahme sind heute nur die Gemeinden, die sich für Umbettungen entschieden haben. In den Kreisen Iserlohn und Paderborn beispielsweise nahm man Umbettung von kommunalen sowie von evangelischen und katholischen Friedhöfen auf Sammelgrabstätten in Hemer bzw. Stukenbrock vor. In den meisten anderen Orten in Nordrhein-Westfalen gibt es Grabstätten von Kriegsgefangenen und ZwangsarbeiterInnen. Es sind tausende Gräber und die Papiere über die Grabstätten befinden sich heute in vielen öffentlichen Stellen, in Verwaltungen und kommunalen Betrieben.

Über deutsche und ausländische Kriegstote in Remscheid und Umgebung liegen bei der dortigen Friedhofsverwaltung zahlreiche Dokumente. „Tausende Namen auf ca. 200 Seiten“ erklärte der zuständige Sachbearbeiter. Eine Tabelle zeigt, wer an welchem Ort begraben ist. Für sowjetische Bürgerinnen und Bürger sind vier Friedhöfe angegeben. Zwei Friedhöfe in Bliedinghausen, einer in Papenberg und einer in Lennep. In Papenberg gibt es 10 Gräber aus dem 1. Weltkrieg und zwei aus dem 2. Weltkrieg. In der Namensliste steht neben einer verstorbenen Zwangsarbeiterin auch ihr Kind.

Auf den beiden Friedhöfen in Bliedinghausen sind, nur 150 Meter voneinander entfernt, zwei Gräberfelder. Auf dem evangelischen Friedhof wurden ca. 520 Bombenopfer beerdigt, darunter 13 russische Zwangsarbeiterinnen namentlich und 24 für die „nicht anerkannte Nationalität“ abgegeben ist. Höchstwahrscheinlich handelt es sich um Ostarbeiterinnen, die nicht identifiziert wurden. Dennoch hatten sie das Glück, auf dem Gräberfeld für Bombenopfer beigesetzt zu werden und ein eigenes Grab mit einem Kreuz zu erhalten.

Nur wenige Meter weiter, auf dem kommunalen Friedhof ist am Rande des Friedhofs eine mit Birken bestandenen Grünfläche und versteckt zwischen Büschen ein Stein mit der Inschrift „Hier ruhen 187 Frauen und Männer aus der Sowjetunion“ Die Namensliste enthielt 185 Namen. Warum also 187, wo liegt der Fehler? Nach intensiver Suche konnten, wenige Wochen später, die Personalkarten 1 für zwei weitere sowjetische Kriegsgefangene aufgefunden werden, die in Remscheid verstorben sind. Auf der Namensliste fehlten also 2 Namen. Über die Ergebnisse dieser Nachforschungen wurden das Grünflächenamt der Stadt Remscheid informiert.

Auf der Internetseite des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst gibt es die Information darüber, dass in Lennep noch ein weiterer Friedhof sein soll, auf dem „sowjetische“ Gräber sind. Am Rande des Friedhofs in Lennep ist tatsächlich ein Feld für „Ausländer“. Auf einem Kreuz lautet die Inschrift „Nina Alekseew – 25.12.1943 und Wladislaus Buda- 27.12.1943“ . Die Namen klingen „russisch“. In den Papieren der Behörden in Remscheid waren sie aber als „Nina, Alekseew 7 Jahre, 26.12.1943, Polin“, „Wladeslaus, Buda 44 Jahre, 21.07.1943, Pole“ eingetragen. Woher kommen die unterschiedlichen Sterbedaten? Für die deutschen Behörden sind die Einträge der Sterbedaten und der Nationalität aus den Namenslisten, die in der Nachkriegszeit aufgestellt wurden, die einzigen anerkannten Informationen. Für die 7-jährige Nina Alekseewa weitere Dokumente zu finden ist sehr schwierig, weil es für Kinder keine eigenen Papiere gibt. Vielleicht wird irgendwann ein Dokument gefunden, in dem Familienangehörige nach der „kleinen Nina, die Tochter einer überlebenden Zwangsarbeiterin“ suchen. Für Wladislaus Buda gibt es in der Datenbank OBD-Memorial eine Personalkarte 1. Ein Kriegsgefangener, „Buda, Wladislaw Antonowitsch, Mitte 40, Pole, registriert im Stalag X D, Wietzedorf in Niedersachsen) Vater – Anton, Mutter – Petrowskaja“. Als Familienangehörige hatte er eine Frau, die bei Kraków oder in Ljwow lebte, genannt. Er war schon am 6. Juli 1941 in Kriegsgefangenschaft geraten.
Aufgrund einer fehlerhaften Eintragung bei OBD-Memorial, wird dort angegeben, dass Buda am 24. Januar 1942 in Kaisersteinbruch in Österreich gestorben ist. Auf der Karte ist jedoch eingetragen, dass er am 12. Februar 1942 das „vierteilige Medikamente A 562 genommen hat“ Höchstwahrscheinlich wurde an ihm ein medizinisches Experiment durchgeführt. Die Personalkarte 1 hat in der Ecke, oben-rechts, ein „schwarzes Kreuz“, das bedeutet „verstorben“. Wann und wo er tatsächlich verstorben ist bleibt unklar.

Holzen – die schwierige Suche nach der Identität

Im Juni 2014 fand auf dem Friedhof in Holzen eine Begehung durch die Botschaft der Russischen Föderation, das Friedhofsamt Dortmund und den Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. statt. Geprüft werden sollte der Zustand der Gräber von sowjetischen Kriegsgefangenen und ZwangsarbeiterInnen. Auf dem Friedhof befanden sich zwei separate Felder mit Gräbern und ein kleines Denkmal mit einer Inschrift in russischer Sprache „Hier ruhen 39 sowjetische Bürger, die von 1941 bis 1945 unter dem faschistischen Terror gelitten haben. Im ewigen Gedenken an die teuren Genossen“.
Im Friedhofsamt gab es eine Namensliste mit 39 Einträgen. 24 Einträge waren mit Namen versehen, bei allen anderen stand „unbekannt“. Viele Namen auf der Liste waren aber offensichtlich falsch geschrieben. Für eine erfolgreiche Suche der Familien nach ihren Angehörigen ist die richtige Schreibweise des Namens von entscheidender Bedeutung. Die Familien finden ihren Angehörigen nicht in den Datenbanken, wenn der Name falsch geschrieben ist. Die Namen, die erkennbar nicht der russischen Schreibweise entsprachen, wurden daher korrigiert. Bei der Arbeit mit historischen Dokumenten ist die Korrektur der Namen sehr problematisch, deshalb war es erforderlich jeden Namen mehrmals zu überprüfen. Um die Namen, die erkennbar nicht der russischen Schreibweise entsprechen zu korrigieren, müssen sie zunächst in kyrillische Buchstaben übertragen und in verschiedenen Schreibweisen in die Datenbank bei OBD Memorial eingegeben werden. Aufgrund dieser Anfragen erscheinen tausende Dokumente, die nach weiterführenden Details durchgesehen werden müssen.
Nach der Korrektur wurde aus Wasin Wafin, aus Irischa Irina, aus Borowsj Senien wurde Borowskij Semjon, aus Wernawa Warwara, aus Ratja Katerina, aus Sejey Sergej, aus Schapowalon wurde Schapowalow.
Alle Angaben müssen dann nochmals anhand von verfügbaren Dokumenten aus Archiven der Roten Armee überprüft werden.

Bei einigen Opfern waren in der Liste Informationen, z.B. eine Erkennungsmarkennummer, eingetragen. Erstaunlicherweise fehlte aber der Name und der Vorname. Zudem war bei mehreren Verstorbenen in Holzen als Sterbedatum das Jahr 1945 und die selbe Erkennungsmarkennummer angegeben. Das war falsch. Die deutschen Behörden, z.B. Kommunen oder die Wehrmacht, haben in ihren Dienststellen separat Dokumente geführt. Informationen, die in der Liste der Stadt nicht vermerkt wurden, sind möglicherweise in den Unterlagen der Wehrmachtsauskunftsstelle enthalten. Viele dieser Dokumente und Papiere sind heute bei OBD-Memorial zugänglich.
Für die meisten Kriegsgefangenen gibt es eine Personalkarte 1. Durch diese Personalkarte kann ihr Weg durch die Lager und ihr Schicksal verfolgt werden. Dank der Personalkarte 1 sind zusätzliche Informationen über die Opfer einfacher zu recherchieren. Für die Suche nach den Namen der Verstorben wurden zunächst die Erkennungsmarkennummern (EM-Nummern) aus der Namensliste des Friedhofsamts in der Datenbank von OBD-Memorial überprüft. Bei seiner Registrierung erhielt jeder Kriegsgefangenen eine Erkennungsmarke mit einer Nummer. In den verschiedenen Lagern wurde zwar gleiche Erkennungsmarkennummern vergeben, fast fortlaufende EM-Nummern lassen aber darauf schließen, dass die Verstorbenen alle im gleichen Lager und fast zeitgleich registriert wurden. Nach Eingabe der Erkennungsmarkennummern erschienen einige Personalkarten. Neben den Namen lieferten sie weitere Information, zum Beispiel das Arbeitskommando, in dem die Verstorbenen zuletzt gearbeitet hatten.

Nr. Name Erkenn.-
MarkenNr.
Name der Unbekannten
1  Wafin, Abdurachmann    
2 Akupo, Anatoli    
5 Artemjew, Irina    
3 Artemjew, Wassily    
4 Artonowitsch, Al.    
6 Borowskij, Semjon    
7 Dubkuwna, Anna    
8 Hawenko, Polina    
9 Liwara, Jan    
10 Netschepurenko, Fedosia    
11 Onoptschenko, Iwan    
12 Perehin, Katharina    
13 Peschko, Nikolei    
14 Pochlerne, Warwara    
15 Polochowitsch, Jakow    
16 Rusmin, Wasily    
17 Sakun, Katja    
18 Salnikowa, Natalja    
19 Schapowalow, Anna    
20 Schinkawenko, Luba    
21 Seluk, Wera    
22 Semag, Andreas    
23 Usenko, Boris    
24 Wolkow, Sergej    
25 unbekannt 80158 Shidenko,
Iwan Emeljanowitsch
26 unbekannt 19783 unbekannt
27 unbekannt 80523 Semenichin,
Jegor Jakowlewitsch
28 unbekannt 81257  unbekannt
29 unbekannt 81023 Korkin,
Fedor Egorowitsch
30 unbekannt 80265 Ljachow,
Pjetr Michajlowitsch
31 unbekannt 80292   unbekannt
32 unbekannt 79783 Sapon,
Michail Stepanowitsch
33 unbekannt 22159 Limoaschwili,
Jossif Schachowitsch
34 unbekannt 80158 Winogradov,
Stepan Antonowitsch
35 unbekannt 80158 Urwanzew, Mitrofan
Semjenowitsch
36 unbekannt 80158 Kosterin,
Alexandr Wasiljewitsch
37 unbekannt 80158 Ordewechow,
Scherim
Kobatirowitsch
38 unbekannt 20625 Tscherkaschin,
Iwan Iwanowitsch
39     Tschepajkin,
Pawel Fjodorowitsch

Für eines der 5 Opfer, für die die selbe Erkennungsmarkennummer angegeben war, gab es in der Datenbank bei OBD Memorial eine Personalkarte 1, die als Ort der Beisetzung den Friedhof Holzen und die Grabnummer nannte. Diese Personalkarte 1 war vollständig ausgefüllt. Neben dem Namen und dem Vornamen waren zahlreiche andere Daten, so auch das Arbeitskommando 2356 in Holzen, in dem der Verstorbene gearbeitet hatte, angegeben. Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass die anderen 4 Kriegsgefangenen im gleichen Arbeitskommando waren. Nach der Durchsicht von rund 20.000 Personalkarten konnten 7 weitere Verstorbene identifiziert werden. Am Ende der Nachforschungen verblieben nur 3 Einträge in der Liste ohne Namen. Durch weitere Recherchen kann vielleicht noch aufgeklärt werden wer die Kriegsgefangenen mit den EM 19783, 81257 und 80292 waren.

Die Familienangehörigen des Kriegsgefangenen Wafin, der in früheren Listen als Wasin geführt wurde, haben dank der neuen Information das Grab ihres Verwandten gefunden und planen nun einen Besuch in Deutschland.

Ennigerloh -Ehrenamtliche bringen die Sache ins Rollen

Die Botschaft der Russischen Föderation hatte Ehrenamtliche, als Anerkennung für ihre Arbeit, zu einer Gedenkfeier nach Ennigerloh eingeladen. Dort sollte eine Grabstätte sowjetischer Kriegsopfer eingeweiht werden. Unter den Gästen war auch ein ehrenamtlicher Historiker aus Ennigerloh. Er berichtete, dass er sich schon viele Jahre mit dieser Grabstätte beschäftigt habe.

Alles hatte damit begonnen, dass er ein Gräberfeld auf dem Friedhof fand. Der Zustand der Grabstätte war katastrophal. Ein Zaun grenzte die Gräber vom übrigen Friedhof ab. Büsche und Gestrüpp hatten die 22 Grabplatten völlig überwuchert. Die Inschriften waren unleserlich. Das habe sein Interesse geweckt, berichtete er weiter. Alle Anfragen an die Verwaltung der Stadt Ennigerloh blieben jedoch ergebnislos. Danach stellte er eine Anfrage an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. Auch dort hatte man keine Information. Die Anfrage wurde aber vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. an die Botschaft der Russischen Föderation weitergeleitet. Das Büro für Erinnerungsarbeit der russischen Botschaft nahm sich die Zeit in diesem Einzelfall zu recherchieren. Das Ergebnis war ein Dokument aus der Datenbank OBD-Memorial des Russischen Verteidigungsministeriums, eine Namensliste mit 22 Eintragungen aus dem Jahr 1946. Von 19 sowjetischen Bürger waren 5 als „unbekannt“ eingetragen. Die anderen 3 Eintragungen auf der Liste trugen die Bezeichnung „Pole“ und „unbekannte Nationalität“.

Zur Sanierung der Grabstätte riefen die Stadt Ennigerloh gemeinsam mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der Botschaft der Russischen Föderation ein Projekt ins Leben. Zunächst wurde der Zaun entfernt, das Feld gesäubert, der Boden befestigt, alle Platten gereinigt und die Inschriften erneuert. Ein örtliches Unternehmen spendete eine hölzerne Tafel mit der Inschrift „Kriegsgräber“. An der feierlichen Eröffnung der Grabstätte nahmen unter anderem der Bürgermeister und ein Vertreter der Botschaft der Russischen Föderation teil und hielten Ansprachen. Es wurden Kränze und Blumen auf den Gräbern niedergelegt. Ein Schützenverein aus Ennigerloh begleitete die Gedenkfeier musikalisch.

Nach der Gedenkfeier kamen die TeilnehmerInnen noch ins Gespräch. Dabei ergab sich die Frage, weshalb die Namen fehlerhaft auf den Grabplatten eingetragen wurden. Um weitere Informationen ausfindig zu machen und die Schreibweise der Namen zu korrigieren, wären in Ennigerloh umfangreiche Nachforschungen erforderlich gewesen. Dazu fehlten dazu aber offenbar die Kenntnisse und die Zeit.

Weitere Recherchen zeigten, dass auf einigen Personal-Karten1 aus den Lagern keine Grabstätte angegeben war. Das erschwert die Suche, aber weitere Übereinstimmungen auf den Personalkarten1 führten zu Ergebnissen. So waren in weiteren Dokumenten bei OBD Memorial die Grabnummern einiger Opfer aus Ennigerloh angegeben. Als höchste Zahl war die Nummer 23 aufgeführt, obwohl in Ennigerloh nur 22 Grabplatten vorhanden sind, das heißt die Anzahl der Gräber ist möglicherweise höher. Aufgrund dieser neueren Nachforschungen konnte für 16 Namen die Schreibweise anhand der bei OBD-Memorial recherchierten Dokumente, korrigiert werden. Für 10 der 16 Namen konnte der Vatername zusätzlich ermittelt werden. Auch der Name eines Polen wurde gefunden. Der Bürgermeister von Ennigerloh und der ehrenamtlicher Historiker erhielten die Namensliste. Die Recherchen sind zudem im Internet veröffentlicht. Das ermöglicht den Familien das Grab ihres Angehörigen zu finden und es zu besuchen.

Suche in Bamenohl

Die meisten westdeutschen Städte haben einen oder mehrere Friedhöfe mit „russischen“ Gräbern. Auch Bamenohl ist keine Ausnahme. Ein Mitglied des katholischen Kirchenvorstands Bamenohl bat um Unterstützung bei seinen Recherchen und schrieb:

„Laut Ehrenmal auf unserem Friedhof liegen hier in Bamenohl: 13 russische Staatsangehörige. Die Inschrift – übersetzt ins Deutsche – lautet:

„Finnentrop-Bamenohl – auf ewig,
13 russische/sowjetische Genossen,
umgekommen in faschistischer Gefangenschaft
in Finnentrop 1942 -1945“


Von 10 Toten haben wir die Namen.
3 Tote wurden – laut Aktennotiz – unbekannt durch die „Stalag“ beerdigt, die Personalpapiere nicht weitergeleitet.“ Dem Brief war eine Namensliste beigefügt

„1.) Caryros, Simons, geb. 10.02.1901, Geburtsort unbekannt, gest.16.12.1943
2.) Kulik, Naum, Geburtstag und Geburtsort unbekannt, geb. 1896, gest.17.12.1942
3.) Knoalenko, Hzohozi, geb. 01.10.1901, Geburtsort unbekannt, gest. 23.12.1943
4.) Lukeyano, Pisto, Geburtstag und Geburtsort unbekannt, gest.07.12.1942
5.) Siederof, Iwan, geb. 05.11.1893, Geburtsort unbekannt, gest. 6.02.1943
6.) Zorick, Vörda ,Geburtstag und Geburtsort unbekannt, gest. 27.02.1943
7.) Gladkow, Ivan, geb. 06.12.1899 in Statoteretschewo, gest. 02.09.1942
8.) Nichaillow, Petro, geb. 17.09.1922, Geburtsort unbekannt, gest. 12.04.1945
9.) Nedboi, Andri, Geburtstag und Geburtsort unbekannt, gest. 12.04.1945
10.) Bowtala, Wasil, geb. 21.10.1912 in Kiew, gest. 13.03.1945“

Viele Namen klangen nicht russisch. Caryros Simon? Hzohozi? Siederof Iwan? Nichailow Petro? Lukeyano Pisto? Zunächst ging es darum, die Fehler in der Schreibweise der Namen zu korrigieren. Nach der Korrektur wurde aus dem Namen Siderof – Sidorow, aus Nichailow – Michajlow, aus Lukeyano Pisto wurde Lukjanenko Petr Kuzmitsch. Bei OBD- Memorial gab es für einen Kriegsgefangenen namens Kowalenko, Grigorij Alekseewitsch eine Personalkarte 1. Die Karte enthielt zahlreiche Daten über die Lager und die Arbeitskommandos (AK), in denen er versklavt wurde, die für weitere Recherchen sehr hilfreich waren. Aus dem verfälschten Namen Knoalenko Hzohozi wurde Kowalenko, Grigorij Alekseewitsch. Nach Überprüfung von rund 2000 Personalkarten 1 bei OBD-Memorial, konnten drei weitere Namen gefunden werden, dasselbe Lager, dasselbe Arbeitskommando, fast dasselbe Sterbedatum. Die drei „Unbekannten“ aus dem Stalag haben durch diese Recherchen ihre Namen zurückerhalten: Lomaschenko, Pawel Iwanowitsch; Skripnikow, Dmitrij Petrowitsch; Masenkow, Nikolaj Warlamowitsch. Der Name eines weiteren Verstorbenen, der auf dem katholischen Friedhof liegt, konnte durch die Recherche gefunden werden: Oserow, Zachar Pawlovitsch. Durch kleine persönliche Details in den Dokumenten, wie Orte und ein Datum, gelang es auch den Verstorbenen Caryros, Simon ausfindig zu machen. Er hieß in Wirklichkeit Gontscharow, Semen Klimentjewitsch und kam aus Kasachstan. Auch an ihn wird jetzt in Bamenohl erinnert.

Der geschäftsführende Vorsitzende des katholischen Kirchenvorstandes Bamenohl war sehr erfreut, als er die Ergebnisse der Recherchen erhielt und fragte weitere Unterstützung für Recherchen auf weiteren Friedhöfen in der Gemeinde Finnentrop-Bamenohl an.

Sehr geehrter Herr Kostovarov,

vielen herzlichen Dank für Ihre umfangreichen Recherchen. Was wäre ich ohne Sie?

Fast alle tote Zwangsarbeiter, die in Bamenohl beerdigt wurden, waren bei den Mannesmann Röhrenwerke Finnentrop im Einsatz. Das Werk befindet sich genau zwischen den Orten Bamenohl und Finnentrop.
In Bamenohl befand sich das Gefangenenlager -für Mannesmann- in der Schützenhalle. Hier waren ca. 300 russische Gefangene untergebracht. Wer im Lager starb, wurde auf dem nächsten Friedhof beerdigt.
Dieses war dann der Katholische Friedhof Bamenohl.

Der Evangelische Friedhof Bamenohl lag nur 300 m vom Werk Mannesmann entfernt. Starb einer im Werk wurde er auf dem kürzesten Weg, dem evangelischen Friedhof Bamenohl begraben.
Hier liegt auch noch junges Mädchen begraben, dass mit 19 Jahren den Freitod wählte. Hierzu habe ich die Sterbeurkunde:
Ludwigowa Wiera, geb. am 30.12.1923 in Omsk, gestorben am 21.12.1943.…Ein weiteres Gefangenenlager befand sich bei der Deutschen Reichsbahn in Finnentrop.Wer hier starb, wurde auf dem Katholischen Friedhof in Finnentrop beerdigt. Auch hier habe ich noch 2 Kinder von russischen Zwangsarbeiterinnen gefunden. (Sterberegister) …..


Mit vielen Grüßen aus dem Sauerland

Auf dem evangelischen Friedhof in Bamenohl wurde nach Angaben der Personalkarte 1 und einer Sterbeurkunde, die bei OBD-Memorial liegen, Jaworski, Ilja, Lawrentjewitsch beigesetzt.
Für den katholischen Friedhof in Finnentrop stand nur der Schriftwechsel aus den Jahren 1960-1970 zur Verfügung. Durch die Suche bei OBD-Memorial konnten vier Namen ermittelt werden.

Tscherkasow, Fedor Egorowitsch, gestorben 28.07.1942
Litwin, Petr, gestorben 01.05.1944
Kutil, Onoprij, gestorben 30.12.1944
Bojschenko, Platon, gestorben 05.04.1945